Ist Martin Scorseses Film ein verlogenes Machwerk oder der ernsthafte Versuch, die Bibel beim Wort zu nehmen?

Eine ZEIT-Kontroverse von Walter Jens und Ulrich Greiner

WALTER JENS: CONTRA

Tage und Nächte gingen dahin, ein Mondwechsel glitt vorüber, ein zweiter stieg auf, Regen und Kälte, ein flammender Herd, heilige Nachtwache im Haus der alten Salome, jeden Abend kamen nach der Tagesarbeit die Armen und Leidenden aus Kapernaum. Sie hatten von dem neuen Tröster reden hören, arm und ungetröstet erscheinen sie, reich und getröstet kehrten sie in ihre kleinen Hütten zurück. Er verpflanzte ihre Weinberge, ihre Boote und Freuden von der Erde in den Himmel, er erklärte ihnen, wieviel sicherer der Himmel ist als die Erde, und die Herzen der Unglücklichen wurden mit Geduld und Freude erfüllt": Eine Passage aus Nikos Kazantzakis’ Roman "Die letzte Versuchung", ein Abschnitt aus jenem umstrittenen Buch, das die katholische Kirche, unter Anführung des Papstes, es war Pius XII., auf den Index gesetzt hat.

Umstritten zu Recht, aber keineswegs, weder ästhetisch noch theologisch, eines Verbots würdig. Kazantzakis macht mit Jesu Menschsein Ernst, läßt ihn, der nach der Formel des Konzils von Chalcedon Gott und Mensch in eins war, einen Sohn der Welt sein – einen, der liebt, trauert, sich an irdischen Dingen erfreut, Verkehr mit einer Frau hat, einen Sohn zeugt – und doch immer der "Andere" bleibt: ein Auserwählter, den die Dämonen und Gesichte verfolgen, ein Mann auf der Suche nach der Identität, ein Frommer, der mit Gott ringt, seine Aufgabe erfüllt und preisgibt – immer im Zwiespalt, immer an der Grenze von Demut und Trotz. "Wer ist Gott?" und "Wer bin ich?" sind für Kazantzakis Jesu Fragen, die untrennbar zusammengehören.

Und so geht er dann, an der Grenze von Himmel und Hölle, seinen Weg, dieser Mann, spricht mit den Sonnen und Sternen, die ihn begleiten, schaut das heilige Jerusalem und das sündige Tiberias, zitiert Psalmen, zieht seine Bahn in den Spuren der Väter, wird verfolgt und gemartert – und erlebt, schon ohnmächtig, am Kreuz die letzte Versuchung, die ihn vom Balken in ein Paradies führt, das ihm der Teufel, in Gestalt eines Schutzengels, erschließt: "Viele Engel hatte er im Schlaf und im Wachen gesehen, einen solchen Engel nie! Welche warme, menschliche Schönheit! Welch weicher Flaum auf Wangen und Oberlippen! Die Augen glänzten verführerisch, voller Feuer wie die einer verliebten Frau, eines verliebten Jungen. Der schlanke, feste Leib und die Beine bis zu den runden Lenden waren von einem lockigen, blauschwarzen Flaum umgeben, und die Arme verbreiteten den geliebten Duft eines Menschen."

Der Engel, der Teufel: mit gewaltigen Schwingen das Weltall durchfliegend, den vom Kreuz Erlösten einhüllend, über die Erde schwebend, dann sich in ein weißes Pferd verwandelnd, ein Wunderwesen, das dem in den Fittichen geborgenen Mann die Schönheit der Welt zeigt, mitsamt ihren tausend Freuden, der Hoffnung und Sinnlichkeit, dem sanften Umgang unter den Menschen, der Leidenschaft und der Behutsamkeit: "Jesus wandte den Kopf. Weit vorn leuchtete Nazareth in der aufgehenden Sonne. Die Stadttore waren geöffnet ... und Tausende von Menschen ... ritten auf weißen Pferden und über ihnen wehten schneeweiße Seidenfahnen mit goldenen Lilien. Sie kamen die blühenden Berge herab ... ritten über Flüsse, und man hörte unter den dichten Bäumen einen fröhlichen Lärm von Gelächter, den leichten Gesprächen und lieblichen Seufzern."