In einer gewaltigen Vision teilt der zum Leben Erweckte die Freuden der Welt und erkennt seinen Irrtum – immer unter den Himmeln war er gewesen und nie, bescheiden und freundlich, ein Anrainer des grünen Galiläas oder ein Fischer am Jordan, Gottes „königlichem Wasserweg“.

Aber die Erkenntnis ist Eingabe des Teufels, jedenfalls behaupten das Jesu Gegenspieler: Paulus, der Sein Werk fortsetzen möchte und dafür Christus braucht und keinen Nazarener: und Judas, der Rotbärtige, ein Gegenspieler von Anfang an.

Und so kehrt der Befreite an sein Marterholz zurück und schickt sich ins Sterben: zum definitiven Ende? Zum Neubeginn? Kazantzakis’ Buch endet mit einer Frage; der Kampf zwischen Diesseits und Jenseits endet remis – ästhetisch plausibel und theologisch konsequent. „Die letzte Versuchung“, ein interessantes und problematisches Buch: gelegentlich sentimental, allzu naturalistisch bei der Präsentation des Menschen Jesu, überzeugend dagegen in den visionären Passagen, die einen griechischen Legendenbildner bei der Arbeit zeigen, der sich auf die Verallgemeinerung christlicher Mythen versteht.

Und dagegen nun der Film „Die letzte Versuchung“ – eine barbarische Bearbeitung: grob, plump, oberflächlich und jener Dialektik bar, die „den einen und denselben“ in seiner Zwienatur zeigen könnte. Jesus von Nazareth ist zu einem wild gestikulierenden Rambo geworden: am liebsten in action, mit dramatischem Gesichtsausdruck, rollenden Augen, verzerrten Minen oder – eine Stelle von unfreiwilliger Komik – mit feixendem Lächeln. (Nach der Verwandlung des Wassers in Wein: „Gelt, da staunt Ihr, Leute“ markiert seine Mimik, „verflucht gekonnt, wie? Damit habt ihr wohl nicht gerechnet!“) Jesus, der Star aus Hollywood, gestyled, geschminkt und in US-Mode gesetzt. Blond natürlich, heroisch und männlich – kein hagerer Rabbi, der vierzig Tage lang fastet, und schon gar kein Jud, dem man die Herkunft aus Stall, Schul und Bethaus anmerkt. „Der Flaum auf seinen Wangen und um das Kinn war zu einem krausen schwarzen Bart geworden, die Nase war gebogen, die Lippen dick“: So jüdisch präsentiert sich Jesus von Nazareth bei Kazantzakis, schwarz, hakennasig und eher auf Afrika als auf Kalifornien weisend.

Jesus, der Jud: undenkbar für Martin Scorsese. Einen Kerl von Mannsbild läßt er durch die Wüste ziehen – einen Billy Graham, der zugleich, gestählt wie er ist, bei einer Olympiade mithalten könnte. Trotzdem, das alles ginge meinethalben hin, wenn dieser unsägliche Mensch aus dem Traumbilderbuch „Wie stellt sich die Dame von Welt ihren Schwiegersohn vor“ nicht auch noch redete und, im Tonfall eines Fernseh-Predigers aus Massachusetts, jesuanische Gleichnisse vortrüge... und das inmitten einer Welt, in der es ansonsten schlicht und herzhaft zugeht, wo man einen Satz mit den Worten beginnt „Um Mißverständnisse zu vermeiden“, wo die Kumpels rufen „Rück näher, Petrus will sich hinlegen“, wo man „Ich gratuliere Dir“ sagt oder „wir sehen uns wieder“ (see you later, boss), „Du bringst ihn in Verlegenheit“ oder „Meister, das mit Magdalena tut mir leid“, wo Jesus zu seinen Jüngern beim Abendmahl spricht: „Ich habe euch etwas Wichtiges mitzuteilen“, andererseits aber selbstbewußt genug ist, um sich auf einen so tiefsinnigen Satz einzulassen wie: „Das Fundament ist der Körper.“

Ist die Banalität schon peinlich, so ist’s das Pathos erst recht, vor allem, wenn im Stil einer Klippschul-Theologie über Leib und Seele, Fleisch und Geist orakelt wird. „Ich ertrage diese manichäistische Schnulze nicht länger“, rief hinter mir der katholische Theologe Norbert Greinacher aus und verließ – der Glückliche! – das Lichtspieltheater, während ich ausharren mußte, bis zum bitteren Ende, dem Auftritt des Schutzengels, der sich, anders als bei Kazantzakis, in der Form eines Mädchens vorstellte, das, kitschig-süß redend, dem lieben Heiland den Weg ins Menschlich-Allzumenschliche wies.

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