Von Detlef Rönfeldt

Es ist, zum Glück, selten nötig, einen Autor gegen seinen Verlag in Schutz zu nehmen. Dies ist so ein Fall. Wer den Klappentext zu John Bergers "Spiel mir ein Lied" verfaßt hat, hat entweder ungenau oder ein ganz anderes Buch gelesen. Und er hat sich schlicht verzählt. "Sechs Liebesgeschichten aus einem kleinen Dorf im Süden Frankreichs" werden angekündigt – es sind fünf, und die letzte, die der deutschen Übersetzung den Namen gegeben hat, spielt in Venedig. Doch auch die anderen Geschichten bieten kein "Porträt des ländlichen Lebens", wie behauptet wird, und wenn mit dem im Klappentext erwähnten "Genre", dem diese Texte angeblich zugehören, etwa das Genre der "Dorfgeschichten" gemeint sein sollte, wäre das weniger als die halbe Wahrheit.

John Berger, 1926 in London geboren und seit vielen Jahren in Südfrankreich ansässig, ist bei uns als Kunstkritiker und -philosoph bekannt geworden, vor allem als Verfasser einer hochgerühmten und immer noch sehr lesenswerten Studie über "Glanz und Elend des Malers Pablo Picasso". Cineasten wissen vielleicht auch, daß er seit 1971 an vielen der Filme des Schweizers Alain Tanner prägend als Drehbuchautor mitgewirkt hat, an "Jonas" etwa oder an "Le Milieu du Monde".

Daß Berger auch ein Erzähler von außergewöhnlicher Kraft und poetischer Begabung ist, beweist der soeben erschienene Prosaband "Spiel mir ein Lied" mit Nachdruck. Es ist der – allerdings völlig selbständige – zweite Teil einer geplanten Trilogie, die mit "SauErde" (1982 bei uns erschienen) begann, und es ist eines der selten gewordenen Bücher, die das Herz weiten und die Gedanken fliegen lassen, die – bei aller Wehmut – die Liebe zum Leben und zu den Menschen nachhaltig befördern, eines der Bücher, nach deren Lektüre wir über die Welt ein wenig besser Bescheid zu wissen meinen – es erinnert in vielem an die Filme Alain Tanners.

Mag sein, daß das namenlose Bergdorf, das für vier der fünf Geschichten Bergers den Hintergrund abgibt, irgendwo in Savoyen, nahe der Grenze zu Italien, wirklich aufzufinden ist; mag auch sein, daß es das Dorf ist, in dem Berger lebt oder gelebt hat. Aber das spielt keine Rolle. "Von bestimmten Einzelheiten abgesehen", schreibt Berger in einer Vorbemerkung zu seinem Buch, "könnte dieses Dorf in vielen Ländern der Welt über die Kontinente hinweg existieren". Es ist für die Menschen, die hier leben, die Mitte der Welt und steht für all die anderen Orte, die Menschen als ihre Heimat empfinden, den ihnen gemäßen Ort der Geborgenheit.

Das "Dorf" als Mittelpunkt der Welt, nicht im geographischen, sondern in einem ontologischen Sinn als "Heim" im "Schoß des Wirklichen" – das sind Gedanken, die auf Mircea Eliade zurückgehen. John Berger hat sie aufgenommen und ausgeführt in seinem Essay "Und unsere Gesichter, mein Herz, vergänglich wie Photos", der 1986 auf deutsch erschienen ist. Dort hat Berger auch notiert, daß er die "Emigration, erzwungene oder gewählte, über nationale Grenzen hinweg oder vom Dorf zur Stadt" für "die fundamentale Erfahrung unserer Zeit" hielt. Und emigrieren heißt stets, das Zentrum der Welt demontieren". Was das für die Menschen, die fortgehen, für die Menschen, die bleiben, und für jene, die zurückkommen, bedeutet, dieser Frage spürt John Berger in seinen Geschichten nach.

Einer von denen, die im Dorf geblieben sind, ist Felix, der "Glückliche", es ist der Akkordeonspieler aus der gleichnamigen Erzählung, mit der das Buch einsetzt. Felix ist unverheiratet, weil die Frauen seiner Generation, des Landlebens überdrüssig, in die Städte gezogen sind. Er lebt allein, in der Einsamkeit seines Hofes, mit dem Hund und dem Vieh, dem er im Stall auf seinem Akkordeon vorspielt. Als seine Mutter starb, war Felix zweiundvierzig.