Von Susanne Kippenberger

Haarlem, die Stadt hinter den Dünen: an die tausend Jahre alt, Zentrum der Provinz Nordholland, eingebettet in ein ländliches Umfeld: Dieses Haarlem ist so ganz anders als das 20 Kilometer entfernte Amsterdam, das immer wieder für Schlagzeilen sorgt. In Haarlem ersetzt Evolution die Revolution, denn schon vor Jahrhunderten haben sich die Bürger ihre Überzeugung als Wahlspruch ins Stadtwappen geschrieben: "Tugend überwindet Gewalt".

Eine langsame Gangart wird den Haarlemern nachgesagt. Der holländische Schriftsteller Godfried Bomans meint, die Stadt sei bewohnt von Menschen, "die sich mit Ernst und Hingabe dem absoluten Müßiggang widmen". In Haarlem erscheint die Tageszeitung erst am Mittag, und einmal im Jahr feiert man das Fest der Faulpelze.

Haarlem, nur zehn Kilometer von der See entfernt: Das Meer schickt seine salzigen Grüße herüber, die Gartenwege im Frans-Hals-Museum sind mit Muscheln statt mit Kies bestreut. An den Meister fühlt sich erinnert, wer die Passanten betrachtet. Sie scheinen von derselben energischen Fröhlichkeit zu strotzen, die der Flame mit heftigen Pinselstrichen in die Gesichter seiner Landsleute malte. Man könnte glauben, alle kämen sie geradewegs aus dem Sportverein, mehr durchtrainiert als elegant.

Der Maler Frans Hals und der Architekt Lieven de Key, ehemals Gallionsfigur der holländischen Renaissance, haben beide dazu beigetragen, daß das 17. Jahrhundert auch in Haarlem als "Goldenes Zeitalter" gefeiert werden konnte. Vom Stadtbaumeister de Key stammt die fast manieristisch üppig verzierte Fleischhalle am Grote Markt, über die ein Kritiker räsonierte, sie sei die "Ausschweifung eines meisterhaften Architekten, der offensichtlich zu viel Genever getrunken hatte".

Der Grote Markt, den die Haarlemer für den schönsten Platz im Lande halten, wirkte früher düster und bedrückend, doch jetzt, nach der Renovierung der umliegenden Häuser, gibt er sich hell und heiter. Hier behauptet sich, wie eine Trutzburg Gottes, seit Jahrhunderten die gewaltige Kirche St. Bavo, vom Volksmund Grote Kerk genannt. Von ihrem 40 Meter hohen, hölzernen Turm herab schaut ein Hahn weit ins Land und über all die Tulpenfelder, die Haarlem und seine Tulpenzwiebelzüchter bekannt gemacht haben. Am Rande der Gemeinde liegt Bloemendaal, so schön, wie sein Name verheißt, und genauso teuer. Prächtige alte Bäume verdecken die noch prächtigeren Landhäuser wohlhabender Industrieller. Das Blumental, eine der drei exklusiven Adressen Hollands, wirkt wie ein einziger großer Park in Privatbesitz.

Haarlem ist die Stadt der hofjes, jener in sich gekehrten Wohnhöfe aus vergangenen Jahrhunderten, die Kaufleute für Arme, Alte und Waisen bauen ließen. Nach innen laufen die schmalen Häuschen auf einen kleinen Garten zu. Zwei Zimmer tief, ein Zimmer breit, zweieinhalb Stockwerke hoch – das sind die Maße der typischen alten Haarlemer Häuser aus roten Backsteinen, mit schiefen Wänden und krummen Böden. Selbst die Mauer der Post gleicht einer wogenden Welle. Heftig hat schon immer der Wind an diesen Häusern gezerrt.