Von Hansjakob Stehle

Rom, im November

Kein Heiliger und kein Herrscher wird gesucht, eigentlich nur ein guter Hirte. Doch eben solcher ist in der katholischen Kirche Deutschlands schwer zu finden – so scheint es wenigstens, wenn man das länger als ein Jahr dauernde Gerangel um die Nachfolge des verstorbenen Erzbischofs Höffner von Köln zum Maßstab nimmt. Selbst der katholische Rheinische Merkur notierte Mitte Oktober "steigendes Befremden" unter den 2,4 Millionen Gläubigen des Bistums Köln. Es richtet sich nicht nur gegen die langwierige Prozedur, sondern auch gegen Kandidaten, die im Gerede sind. Zuletzt jagten sich Woche um Woche in Rom wie am Rhein "sichere" Gerüchte, daß der Papst einen der Umstrittenen jetzt doch ohne weitere Nachfragen – auch über die Köpfe des wahlberechtigten Domkapitels hinweg – ernennen werde.

Sollte es so einfach sein, warum nicht schon eher? Römisches Kirchenverständnis läßt zwar auch nach den Konzilsreformen dem Klerus wie dem "Gottesvolk" kaum Spielraum zur Mitbestimmung, doch möchte niemand einen mittelalterlichen Investiturstreit zwischen Staat und Kirche entfachen. Allerdings haben Geschichte und Recht gerade im Fall des Bistums Köln dem päpstlichen Zentralismus gewisse Grenzen gesetzt. Daran haben jetzt diskret, aber deutlich in einem "persönlichen" Brief nach Rom zwei staatliche Amtsträger verschiedener (auch politischer) Konfession erinnert: der christdemokratische Ministerpräsident Vogel von Rheinland-Pfalz und sein sozialdemokratischer Kollege Rau von Nordrhein-Westfalen. Für beide Bundesländer, auf deren Gebiet das Bistum Köln liegt, gilt nämlich bis heute das Konkordat, das 1929 nach jahrelangen Verhandlungen zwischen dem Vatikan und dem nun demokratisch, nicht mehr monarchisch verfaßten "Freistaat Preußen" geschlossen worden war. Grundsätzlich bestätigt es ein Privileg (so nennt es der heutige Papst), das den preußischen Bistümern schon 1821 durch päpstliche Verfügung gewährt worden war: daß nämlich nicht der römische Pontifex allein den neuen Oberhirten eines vakanten Bistums bestimmt, sondern die Domkapitulare ihren Bischof wählen dürfen.

Gemeint war das allerdings nicht als ein Zugeständnis an den liberal-demokratischen Zeitgeist, mit dem sich damals der deutsche Katholizismus gegen absolutistische Restauration und Staatskirchentum, protestantisches zumal, verbündete. Aus römischer Sicht war das Bischofswahlrecht der Domkapitel im Grunde nur das kleinere Übel. Denn es sollte in den von "ketzerischen" Monarchen regierten Ländern jenen staatlichen Einfluß auf die kirchliche Personalpolitik begrenzen, den man allenfalls den katholischen Königen – wie etwa dem bayerischen – zubilligen mochte.

Die Wirklichkeit freilich sah auch in Preußen anders aus als die Theorie. Wie jüngst der Kirchenhistoriker Gatz feststellte, waren es eigentlich nur "Scheinwahlen", mit denen staatsfromme Domkapitulare den Wunschkandidaten seiner Majestät auf den Bischofssitz hoben; obendrein waren die hochwürdigen "Wähler" zum Teil selbst schon ernannt worden auf Vorschlag des Königs (dem eine groteske Regelung die Besetzung von Domherrenstellen erlaubte, die in "ungeraden" Monaten frei wurden). All dies verhinderte jedoch nicht, daß auch damals schon ein bei Regierung, Gläubigen und Klerus gleichermaßen unbeliebter Kirchenfürst wie der Freiherr von Droste zu Vischering zuerst auf den erzbischöflichen Stuhl von Köln gelangte, dann – als Häftling auf die Festung Minden. Erst nach fünf Jahren, beim Dombaufest 1842, wurde dieser Streit zwischen "Thron und Altar" beigelegt, der in die Geschichte einging unter dem Begriff "Kölner Wirren" ...

Seitdem nahm man es mit Bischofswahlen in Köln wie in ganz Preußen etwas ernster: Aus immerhin selbst erstellten Kandidatenlisten durften nun die Domkapitulare wählen, nachdem das Berliner Kultusministerium alle dem König "minder genehmen" Namen gestrichen hatte. Und so blieb es bis zum Ende der Monarchie, ja noch 1920 bestanden die Kölner Domherren auf ihrem Recht, als es ihnen der Vatikan – unter Berufung auf die veränderten Verhältnisse der Weimarer Republik und auf den neuen kanonischen Rechtskodex – streitig machen wollte: "Das hohe Metropolitankapitel möge bezüglich der Ernennung des Erzbischofs Instruktionen abwarten, welche der Heilige Stuhl ihm zuzusenden nicht ermangeln wird", schrieb der Berliner Nuntius Pacelli (der spätere Papst Pius XII.) an die Kölner, mußte jedoch zurückstecken, weil die preußische Regierung Verhandlungen über ein neues Konkordat anbot.