Von Willi Winkler

"... und falls es, was menschliche Belange betrifft, so etwas wie Episoden nicht gibt, sollte ich darauf bestehen, daß es in dieser Geschichte um Raymond geht und nicht um Jungfräulichkeit, Koitus, Inzest und Selbstbefleckung..."

Heute kann man sich gar nicht mehr vorstellen, welche Erleichterung Ian McEwans Geschichten dem geplagten Mitteleuropäer verschaffen konnten. Fast zehn Jahre lang war der Leser dem Innenleben von Berufs-Exhibitionisten ausgesetzt gewesen, Leuten, die einem unbedingt ins Ohr brüllen mußten, wie bleiern die Zeit sei, wie elend sie sich fühlten, wie wenig sie aus sich heraussahen. Und kaum hatte sie der Freund/die Freundin verlassen, als sie noch mehr ins Grübeln kamen: Wie war das damals, vorm Springerhochhaus, in der WG und später in der KPD/ML-AO? Und schon lief eine neue Rückblende. Von der "Klassenliebe" über "Montauk" bis zu "Rom, Blicke" verfing sich der gesenkte Blick im eigenen Bauchnabel, über den dann hundertseitenweise meditiert wurde. In den ganzen siebziger Jahren schien es nichts anderes zu geben als diese Erfahrungsliteratur mit dem mittleren Anspruchsgrad des Grübelkoeffizienten von, sagen wir mal: Peter Schneider.

Aber dann, fast aus dem Nichts, tauchten ganz andere Bücher auf, mit Geschichten, die gnadenlos zur Sache kamen, die es nicht nötig hatten, ein edition suhrkamp-Bändchen lang sog. Utopien nachzuweinen, sondern die erfrischend geschmacklos waren.

Ian McEwans Erzählbände "Erste Liebe, letzte Riten" und "Zwischen den Laken" sowie der Roman "Der Zementgarten" waren unerhört. Hier gab es statt der postrevolutionären Tristesse das blanke Entsetzen, manchmal auch nur Ekel und Abscheu. Kinderladenkinder waren doch nicht so. "Ich habe meinen Vater nicht umgebracht, aber manchmal kam es mir vor, als hätte ich nachgeholfen." So beginnt der fünfzehnjährige Jack den Bericht über das Ende einer Familie und den Beginn einer neuen ("Der Zementgarten"). Jacks Vater, der sich trotz eines vorangegangenen Herzinfarkts mit schweren Zementsäcken herummüht, fällt am gleichen Tag tot um, an dem sein ältester Sohn die erste Pollution hat. Die Mutter der Kinder siecht an Krebs dahin, und als sie stirbt, verstecken die Kinder, aus Angst ins Heim zu müssen und voneinander getrennt zu werden, die Leiche im Keller und gießen sie in Beton ein. Natürlich kommt die Wahrheit ans Licht, natürlich werden die Kinder dann doch auseinandergerissen: Ein Verehrer Julies, der ältesten Schwester, der eifersüchtig ist auf ihr inniges Verhältnis mit Jack, zerschlägt den Betonblock und bringt die Untat zum Vorschein.

"Ich mußte daran denken", sagt ein anderer kindlicher Erzähler, "daß wir nur Tiere mit Kleidern sind, die ganz merkwürdige Sachen machen, wie Affen auf einer Teegesellschaft." Die merkwürdigsten Sachen kommen von Kindern, die noch nicht wissen, was sie mit sich und der Welt anfangen sollen, die überall Geheimnisse wittern und sich als die Schweinigel entdecken, die die Erwachsenen nicht mehr sein dürfen.

In den ersten Büchern Ian McEwans sind die Eltern verreist, verschwunden oder tot; die Kinder machen, was sie wollen. Sie waschen sich nicht, sie onanieren häufig, sie träumen davon, mit ihrer Schwester zu schlafen oder gemeinsam den Vater umzubringen – aber diese Kinder sind alles andere als Ungeheuer, sondern fast unschuldige Wesen im Naturzustand. Bei Kafka heißt es einmal, alle Angeklagten seien schön, bei Ian McEwan sind es die Kinder mit ihren ungerichteten Gelüsten, ihrer staunenden Fremdheit, mit der sie alles (Sexuelle) ausprobieren.