Von Susanne Schlötelburg

Als Lady Morrell Virginia Woolf gestand, daß ihr Tagebuch ganz ihrem Innenleben gewidmet sei, sah die Schriftstellerin sie erstaunt an und erklärte, daß sie selbst kein Innenleben habe. Ihrem dreißigbändigen Tagebuch vertraute sie, für die Verschwiegenheit ein Zeichen von Kultiviertheit war, weder ihre persönlichen Gefühle an, noch kommentierte sie darin ausgiebig die tägliche Arbeit an ihren Romanen. Statt dessen porträtierte sie dort Freunde wie Lytton Strachey, John M. Keynes, E. M. Forster oder T. S. Eliot. Menschen hingegen, die ihr lieb waren, etwa ihren Mann Leonard oder ihre Schwester Vanessa, sparte sie aus. Weder das geradezu geschäftsmäßig geführte Tagebuch noch die nonchalanten Briefe (viertausend an der Zahl) verraten viel über jene Virginia Woolf, die wiederholt unter schweren Depressionen litt und sich schließlich im März 1941 in der Ouse ertränkte.

Das Innenleben dieser empfindsamen und doch willensstarken Frau erschließt sich am ehesten durch die Lektüre ihrer Romane, etwa "Voyage Out" (1913; noch nicht übersetzt), "Die Fahrt zum Leuchtturm" (1927) oder "Die Wellen" (1931). "Jedes Seelengeheimnis, eines Schriftstellers", schreibt Virginia Woolf in "Orlando", "jede seiner Lebenserfahrungen, jede seiner Geisteseigenschaften steht groß und deutlich in seinem Werk geschrieben. Und in ihr Tagebuch notiert sie am 14. Januar 1920: "Ich frage mich, ob ich mich ... mit Autobiographie befasse & es Fiktion nenne?" In ihren Romanen wollte sie Erinnerung in Kunst umwandeln.

Der Schriftstellerin Virginia Woolf und nicht der "phantastischen Königin von Bloomsbury" gilt das Interesse einer neuen Biographie über die "Hohepriesterin des modernen Romans". Während Quentin Bell in seiner 1973 erschienenen offiziellen Biographie seine Tante als Familienmitglied oder im intellektuellen Glanz (und gelegentlich bloßen Glimmer) von Bloomsbury zeigt und dabei ganz auf eine Analyse ihres schriftstellerischen Werks verzichtet, ist diese für Lyndall Gordon gerade der Schlüssel zum Verständnis des bizarren Lebens der Virginia Woolf.

Ihre Biographie, die schon 1984 in Oxford erschien, wo die Autorin heute lehrt, konstatiert die Diskrepanz zwischen öffentlicher Person und privater Persönlichkeit bei Virginia Woolf und geht dann dazu über, mit Hilfe sorgfältiger Interpretationen des Romanwerks die "dunkle Seite" dieser faszinierenden Frau zu entdecken. Mithin ist diese sich langsam entfaltende, wenig spannende Darstellung eher etwas für die Liebhaber des Woolfschen Œuvre und von geringerem Interesse für die Freunde etwa psychoanalytisch oder sozialgeschichtlich ausgerichteter Lebensbeschreibungen.

Hier wird einmal nicht vom exaltierten Leben in Bloomsbury, von Virginias Eskapaden in die Phantasie oder ihren Rückzügen in die Krankheit berichtet. Es werden auch nicht zum wiederholten Male die damit verbundenen Geschichten vom frigiden Körper der leidenden Dame und preziösen Asthetin zum besten gegeben. Statt dessen untersucht Lyndall Gordon jene "weniger auffallenden Ereignisse, die ihr Werk formten": die Kindheitserinnerungen (etwa das Rauschen der Wellen in St. Ives, das Eingang in "Die Wellen" gefunden hat), die exzentrische Erziehung Virginias als Tochter des Philosophen Leslie Stephen, den "vulkanischen Gehalt ihres Wahnsinns" und die ungewöhnliche Heirat mit dem Juden Leonard Woolf.

Dabei macht Gordon deutlich, daß die Wendepunkte in jenem Leben, dessen Geheimnisse Virginia Woolf nicht in ihren Tagebüchern und Briefen ausbreitete, sondern in ihren Romanen verbarg, selten mit äußeren Ereignissen zusammenfielen. Daten wie die Jahre 1907/1908, in denen Woolf die Verwendungsmöglichkeit der Erinnerung entdeckte, oder das Jahr 1926, in dem zum ersten Mal die "Flosse" auftauchte ("meine Vision einer Flosse, die sich aus dem weiten, leeren Meer erhebt") und ihre Auffassung vom Roman veränderte, erweisen sich letztlich als wichtiger als die Daten der Krankheitsanfälle oder das vielzitierte Jahr 1910, in dessen Dezember, so Virginia Woolf, sich das Wesen der Menschen verändert habe. Es war die Zeit der wilden Partys in Bloomsbury, die Virginia Woolf sehr liebte, an denen sie sich aber nur in Maßen beteiligen konnte.