Von Dieter Buhl

Nun endlich ist George Bush am Ziel seiner Wünsche angelangt. Lange genug hat er sich vorbereitet, hat er gedienert, gekämpft und geackert, um als Präsident ins Weiße Haus einziehen zu können. Nach manchem Auf und Ab steht er jetzt auf der höchsten Sprosse der Karriereleiter. Der Wahltriumph gewährt Bush ein eindeutiges Mandat, seine Nation zu führen. Doch wie er den Wählerauftrag nutzen wird, weiß wahrscheinlich nicht einmal der Sieger selber.

Präsidentschaftswahlkämpfe verhelfen selten zur letzten Gewißheit über die Bewerber und ihre Programme. Wie lange die Kampagnen auch immer dauern, welch mörderische Tests sie den Kandidaten auch auferlegen – die Wähler müssen bei ihrer Entscheidung ein Restrisiko auf sich nehmen. Das Votum für George Bush verlangte überdurchschnittliche Wagnisbereitschaft. Obwohl er sich seit fast zwei Jahrzehnten auf der nationalen Bühne Amerikas bewegt, rätseln viele bis heute darüber, ob Bush sich zum Hauptdarsteller eignet oder ob er nicht doch als Charge besser aufgehoben wäre. Im Wahlkampf hat er neue und überraschende Eigenschaften gezeigt; seitdem stellen sich neue Fragen nach seiner Identität.

Wie ist der nächste Präsident der Vereinigten Staaten einzuordnen? Ist George Herbert Walker Bush ein Weichling oder ein Kämpfer? Läuft er bloß mit oder vorneweg? Hat er Prinzipien oder nicht? Das Erscheinungsbild dieses politischen Veteranen nötigt seit jeher zu Spekulationen. Eindeutige Erkenntnisse waren bisher nicht zu gewinnen. Die Suche nach den Wurzeln des Politikers Bush gleicht dem Unterfangen, das wuchernde Bodengeflecht einer Urwaldpflanze freizulegen.

Nur über seine Jugendzeit gibt es klare Auskunft. Der Sohn des Bankiers und späteren Senators Prescott Bush wurde hineingeboren in die großbürgerliche Welt Neu-Englands, die ihm wichtige Startvorteile garantierte – die besten Schulen, die besten Kreise, die besten Manieren. Lebensumstände wie die des jungen George führen beinahe zwangsläufig in die US-Elite. In diese Vita passen denn auch sein Dienst als jüngster US-Marineflieger während des Zweiten Weltkriegs, der Abschuß über dem Pazifik, die beschwerliche Rettung, hohe Auszeichnungen und immer wieder Fronteinsätze. Ein Drückeberger war der Leutnant wahrlich nicht. Vielmehr folgte er eisern dem Motto der Familie, sich stets die Privilegien zu verdienen, die er von Geburt an genoß.

Bis dahin ist das Leben des jungen Helden ein offenes Buch, das nur mit einem glücklichen Kapitel enden konnte. Doch danach beginnen die Legenden, aber auch die Zweifel, die George Bush noch im Alter von 64 Jahren begleiten.

Schon über seine Studienzeit an der noblen Yale Universität kursieren die unterschiedlichsten Wertungen. Noch mehr Anlaß zu Nachfragen gibt Sein Aufstieg im unerbittlichen texanischen Ölgeschäft. Seine Freunde Schildern Bush als einen Pionier der Ölgewinnung vor den Meeresküsten, als einen Selfmademan, der es mit aufgekrempelten Ärmeln und eigener Hände Arbeit zum Millionär brachte. Weniger Wohlwollende erinnern an die finanzielle Unterstützung seiner Verwandten, an den Schub durch fremde Hilfe, der ihn zum Ölbaron beförderte. Sie verweisen damit auf Protektion als ein Muster, das im Lebensweg des George Bush ständig wiederkehrt.