Am 19. September 1988 ging beim Verwaltungsgericht Hamburg ein Antrag auf Gewährung einstweiligen Rechtsschutzes ein, der sich von dem gerichtsnotorischen Typus solcher Anträge in bemerkenswerter Weise unterschied – weniger seines Inhalts als seiner Urheber wegen:

"Antrag... der Seehunde in der Nordsee – Antragsteller –, vertreten durch..., gegen die Bundesrepublik Deutschland – Antragsgegnerin vertreten durch..., wegen: Einbringung von Abfallstoffen in die Hohe brennung von Abfallstoffen auf der Hohen See..."

Wer dies bloß für die rechtsförmige Variante jener verbreiteten Geistesschwäche hält, die in einer Synthese aus Pathos und Komik regelmäßig ihre gute Gesinnung beweist und ihr Anliegen ruiniert, der irrt sich. Wohl ist der verwaltungsgerichtliche Streit der Nordseerobben (noch) aussichtslos. Abwegig oder gar lächerlich ist er nicht. Er zwingt die Justiz, sich mit neuartigen Überlegungen zu einem immer schmerzhafter fühlbaren Grunddefekt unseres Tier- und Umweltschutzrechts zu befassen. Bereits 1974 stellte der Sachverständigenrat für Umweltfragen die weitgehende Ineffizienz der damals noch neuen Schutznormen fest. Wie ein höhnisches Echo folgt seither der Politikerphrase vom "Beispielhaften unserer Umweltgesetze" der berechtigte Hinweis auf deren "Vollzugsdefizit" nach.

Zu den wirkungsvollsten Garanten der Wirkungslosigkeit rechtlichen Umweltschutzes gehört eines der Fundamentalprinzipien des deutschen Verwaltungsprozesses: Paragraph 42 Absatz 2 der Verwaltungsgerichtsordnung bestimmt, daß grundsätzlich nur derjenige Befugnis zur gerichtlichen Klage hat, der geltend machen kann, eine hoheitliche Maßnahme habe ihn in seinen eigenen (subjektiven) Rechten verletzt. Den staatlichen Verstoß gegen bloß objektive, nicht auch seinem individuellen Schutz dienende Normen kann er gerichtlich nicht angreifen. Ein juristischer Blick gerade auf das Robbensterben und seine Gründe verdeutlicht die Wirkung dieser Regelung in trostloser Klarheit: Die vom Deutschen Hydrographischen Institut erteilten Erlaubnisse zur Verklappung beziehungsweise Verbrennung von jährlich vielen hunderttausend Tonnen hochgiftiger Industrieabfälle in der Nordsee dürften auf geradezu abenteuerliche Weise geltendes Recht verletzen (nämlich Artikel 2 Absatz 2 des sogenannten "Hohe-See-Einbringungsgesetzes"). Gegen solche Erlaubnisse klagen kann mit Aussicht auf Erfolg niemand – ausgenommen die Verschmutzerfirmen: wenn ihnen die genehmigten Giftmengen nicht ausreichend erscheinen sollten.

"Ist dies schon Tollheit", heißt es bei Shakespeare, "hat es doch Methode" – die Methode eben des Paragraphen 42 Absatz 2 Verwaltungsgerichtsordnung, der im übrigen, das darf nicht übersehen werden, seinen guten und schwerlich antastbaren Sinn hat: Querulatorischen Ordnungshysterikern soll nicht auch noch – und gerade – in Fällen, die, Sie persönlich nichts angehen, eine Art allgemeine! Rechtskontrolle in Form der sogenannten "Popularklage" ermöglicht werden.

Solange aber die Verfassung der Einsicht in die: wechselseitigen ökologischen Abhängigkeiten aller Teilhaber am Biosystem Erde nicht mit einem Grundrecht des Bürgers auf Umweltschutz Rechnung trägt, solange werden Klagen gegen die staatlich konzessionierte Verwüstung tierischer Lebensräume am Fehlen einer Verletzung eigener Rechte der Menschen scheitern.

Der Ausweg, den die Anwälte im Hamburger Robbenprozeß zu öffnen versuchen, führt freilich weiter als das Postulat eines menschlichen Grundrechts auf Erhaltung tierischen Lebens. Sachlich so naheliegend wie juristisch in deutlicher Entfernung vom geltenden Recht fordern sie, den zweifelsfrei in ihren Interessen Verletzten: den bedrohten Tieren selbst, die förmliche Position von Rechtsinhabern und Prozeßsubjekten zuzubilligen – etwa mittels treuhänderischer Vertretung durch geeignete Naturschutzverbände. Eigene Rechte für die Natur! – Selten dürfte der Abstand einer juristischen Forderung von der etablierten Rechtsordnung in ähnlicher Schärfe die Frage aufgeworfen haben, ob er einen Mangel dieser Forderung oder einen des geltenden Rechts offenbart.