Deutschlands Zusammenbruch und Umbruch zwischen Stalingrad und Währungsreform

Von Peter Reichel

Tiefe soziale Spannungen und fundamentale Gegensätze haben die neuere deutsche Geschichte geprägt und wirken bis heute nach. Stürmischer Aufbruch in die Moderne und haßerfüllter Protest gegen sie, Reform und Reaktion, Revolution und Gegenrevolution stehen sich unvermittelt und unversöhnlich gegenüber. Perioden des Aufbaus und Wachstums, der bürgerlichen Normalisierung und wirtschaftlichen Stabilisierung auf der einen, Krisen und Kriege, Zerstörung und Völkermord, Not und Chaos auf der anderen Seite. Wir sind die Erben einer widersprüchlichen und von vielen Zäsuren zerrissenen Geschichte.

Am Anfang stand die "ungewollte" Revolution von 1848/49, der Zerfall der vormärzlichen Einheit von Liberalismus und Nationalismus, der politische Machtverzicht des Bürgertums 1866 und 1878. Nach 1914 die folgenschwere Spaltung und Schwächung der Arbeiterbewegung. Dann die "halbe" Revolution von 1918/19, die das Ende der Republik schon vorprogrammierte. Spätestens 1929/30, mit der Tolerierungspolitik der SPD und den dramatischen Wahlerfolgen der NSDAP, begann der "Weg in die Katastrophe", der 1933 schließlich zur "Flucht in den Führerstaat" führte.

Und wie kann in dieser Reihung von Wendepunkten das Jahr 1945 gesehen und gedeutet werden? Als Zusammenbruch oder als Befreiung? Bloß als militärische Kapitulation oder als Ende des "deutschen Sonderwegs"? Als "Neubeginn", als "Stunde Null", gar als "Revolution ohnegleichen" (Helmut Schelsky)? Oder als Übergangsperiode einer "Notgesellschaft", die zwar in ihrer sogenannten "Trümmerkultur" einen kurzzeitigen Aufbruch erlebte, ihr Signum aber doch durch die Restauration der überkommenen, und schon für überlebt gehaltenen, bürokratischen und kapitalistischen Strukturen erhielt?

Diese Fragen werden seit langem kontrovers diskutiert, seit mit der Öffnung der Archive, einer gezielten Forschungsförderung und dem Beginn umfangreicher Aktenpublikationen ab Mitte der siebziger Jahre die politik- und geschichtswissenschaftliche Erforschung der Nachkriegszeit intensiver betrieben wird. Inzwischen ist eine umfangreiche Literatur angewachsen. Die Vielzahl von Spezialuntersuchungen zur Entnazifizierung und Mentalitätsgeschichte, zur Deutschland- und Besatzungspolitik, zur Entstehung des Grundgesetzes sowie zur Wirtschafts-, Parteien- und Kulturgeschichte ist kaum noch zu übersehen. Auch zahlreiche Einführungen, Dokumentationen, Chroniken, kleinere und größere Gesamtdarstellungen liegen mittlerweile vor, von denen die von Wolfgang Benz ("Die Gründung der Bundesrepublik", 1984), Theodor Eschenburg ("Jahre der Besatzung", 1984) und Christoph Klessmann ("Die doppelte Staatsgründung", 1982) besonders hervorzuheben sind.

Auch wenn diese Literatur nicht von der Annahme ausgeht, es habe so etwas wie eine Stunde Null gegeben, so beginnt sie doch – wie selbstverständlich – mit dem Jahr 1945. Die Stunde der Kapitulation erscheint vielen Ende und Anfang zugleich zu sein, faktisch wie symbolisch. Zumal mit Blick auf die binnengesellschaftliche Entwicklung, die dann folgte.