Ein Zaun schützt die Petunien – Seite 1

Der erste Freilandversuch läuft an – und provoziert die Kritiker

Von Heinrich Billstein

Köln

Seit Monaten stehen die Gentechnologen vom Kölner Max-Planck-Institut für Züchtungsforschung (MPI) im Zentrum ökologischer Kritik. Dabei hatten die Wissenschaftler der Abteilung Molekulare Pflanzengenetik zunächst allen Grund zur Freude. Die Erbgutbastler in Köln-Vogelsang kreierten eine Petunien-Variante, die in der Natur nicht vorgesehen ist. Mit fremdem Erbgut haben sie das zarte, aus Südamerika stammende Pflänzchen im Reagenzglas verändert.

Zwar wird die bei Hobbygärtnern beliebte Petunia hybrida bereits in zahlreichen Farben gezüchtet; eine lachs- oder ziegelsteinrote Blüte, wie die Forscher sie schufen, konnten die Züchter auf natürlichem Wege bislang jedoch nicht hervorbringen. Die Blumenindustrie hat bereits ihr Interesse an der bevorstehenden Kölner Blütenpracht bekundet.

Erzielt wird die neue Farbe mit Hilfe eines Mais-Gens, das die Geningenieure gemeinsam mit einem Antibiotika-Resistenz-Gen in eine weißblühende Petuniensorte eingeschleust haben. Aber nicht Schönheit war der Zweck der neuen Blüte, der lachsrote Farbton soll vielmehr dazu dienen, die Stoffwechselwege der Pflanze besser zu verfolgen. An der genmutierten Petunie wollen sie die Arbeitsweise der sogenannten "springenden Gene" (Transposon) erforschen, die auf andere Gene überspringen, sie verwandeln und so für die Mutationen der Pflanzen sorgen.

Weiße Mutanten

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Wird beispielsweise das Mais-Gen der Petunie von einem Transposon beglückt, verändert sich die ziegelrote Petunie in eine weiße oder rotweißgemusterte Mutante. Bis zu vier solcher an der Farbe erkennbare Mutanten wollen die Wissenschaftler "züchten", aus denen sie dann die springenden Gene für weitere Experimente herausfischen wollen.

Wenn die Versuche kein Glücksspiel werden sollen, müssen bis zu 40 000 Blümchen gepflanzt werden. "Das Ganze ist dann vor allem ein Platzproblem", sagt Peter Meyer vom MPI Köln. Weil es in den Gewächshäusern dann zu eng wird, sollen die Pflänzchen aufs Feld.

Ökologen aber fürchten den Freilandversuch. Dabei ist das ökologische Risiko des Petunientests nicht einmal das, was sie am meisten ängstigt. Denn weder Nachtfalter noch Bienen, die für die Bestäubung zuständig sind, können großen Schaden anrichten. Bei 40 000 Blüten auf einem Feld haben die Bienen wenig Appetit auf fremde Petunien in Schrebergärten und auf Balkonen.

Die kölsche Petunie ist für die Umweltschützer ein "politisches Pflänzchen". Sie fürchten den Ausstieg aus der Natur und den Einstieg in die Monsterwissenschaft. "Die haben bewußt einen Versuch ausgesucht, der ziemlich harmlos ist", argwöhnt Dieter Asselhoven von den Grünen im Kölner Stadtrat. Mit dem Pilotprojekt in Köln-Vogelsang solle die Hemmschwelle bei der verunsicherten Bevölkerung gegenüber gentechnologischen Experimenten gesenkt werden. "Wenn die Bresche erst einmal geschlagen ist, werden gefährlichere Tests gemacht." Die Industrie sei bereits in den Startlöchern.

"Wir machen keine Auftragsforschung für die Industrie", wehren sich die Geningenieure. Die Forschungsergebnisse seien allen zu wissenschaftlichen Zwecken zugänglich. Geschäfte seien mit dem ziegelroten Pflänzchen nicht möglich. Peter Meyer: "Das MPI hat die Patentrechte gesichert."

Der Vorwurf, an eine Zusammenarbeit mit der Industrie zu denken, kommt allerdings nicht von ungefähr. Jahrelang sind Wissenschaftler des Leverkusener Chemieriesen Bayer bei den Kölner Züchtern in die Lehre gegangen. Als Gegenleistung erhielten die Grundlagenforscher im Jahr eine Million Mark. Diese Verträge seien jedoch mittlerweile ausgelaufen, die Bayer-Mitarbeiter längst in die Labors ihres Konzerns zurückgekehrt, versichert das Institut. Was bleibt, seien lediglich finanzielle Forschungshilfen. Fünf Prozent soll der Anteil der Industrie am 25-Millionen-Mark-Etat des Instituts betragen.

"Die Zeit ist reif

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Daß die geplante Freisetzung Pilotcharakter besitzt, bestreitet das MPI hingegen nicht. "Die Vorreiterfunktion ist ganz gut. Denn die Zeit für eine Entscheidung ist überreif", meint Meyer. Bislang arbeitet die bundesdeutsche Gentechnologie noch in einem fast rechtsfreien Raum. Gesetzlich verbindliche Regelungen gibt es in der Bundesrepublik nicht, da die Debatte über die Risiken der Feldversuche noch nicht abgeschlossen ist. Ähnlich zurückhaltend verhalten sich die anderen EG-Länder. Um so bedeutender sei der Kölner Versuch, warnen daher die Umweltschützer.

Grundsätzlich dürfen nach allgemeinen Richtlinien genmanipulierte Organismen nicht freigesetzt werden. Doch es gibt Ausnahmen. Im Fall der Petunien muß die Zentrale Kommission für Biologische Sicherheit (ZKBS) in Berlin, eine Art Gen-Tüv, ein Gutachten über den geplanten Kölner Test vorlegen. Erst dann kann das Bundesgesundheitsamt den Freilandversuch genehmigen. Das Max-Planck-Institut hat jetzt eine Genehmigung beantragt.

Wenn der Versuch abgelehnt werden sollte, sieht Meyer schwarz. Die Industrie werde sich wohl ins Ausland orientieren. Forschungsinstitute wie das MPI stünden dann mit leeren Händen da.

Dabei ist das geplante Kölner Experiment eigentlich gar nicht der erste Freilandversuch in der Bundesrepublik. In Bayreuth haben Wissenschaftler der Universität bereits im vergangenen Jahr einen Feldversuch mit gentechnisch veränderten Bakterien gestartet. Nur wurde diese Freisetzung nicht als ein "in vitro"-Experiment klassifiziert, das staatlich genehmigt werden muß.

Im Frühjahr nächsten Jahres erwarten die Forscher in Köln-Vogelsang die Genehmigung für ihr Petunienfeld, damit sie noch im Sommer die 40 000 Blümchen setzen können. Die Kritiker des Versuchs rechnen damit, daß diese Genehmigung erteilt wird. Sie haben wenig Vertrauen in den Berliner Gen-Tüv. "Da sitzt die Industrie mit drin", sagen sie.

Der Konflikt ist programmiert, der Umgangston wird schärfer. Gegen den Kölner Freilandversuch hat sich bereits eine Initiative zusammengeschlossen. Das Max-Planck-Institut hat inzwischen einen Zaun für sein Gelände beantragt. Umweltschützer Asselhoven: "Das MPI fürchtet, daß in Köln, wie bereits in den Vereinigten Staaten geschehen, das Versuchsfeld zerstört wird." Tatsächlich ist das Max-Planck-Institut im Sommer 1985 schon einmal Ziel eines Bombenanschlags der Roten Zora gewesen. Peter Meyer vom MPI erklärt indessen, der Zaun werde gezogen, weil das Gelände im Landschaftsschutzgebiet liegt.

Unterdessen ist das Terrain für den künftigen Versuchsacker festgelegt. Einige weiße Petunien gewöhnlicher Abstammung erproben für ihre geklonten Verwandten den Standort. Es könnte ja sein, daß es dort gefräßige Kaninchen gibt, die die hübschen Versuchsblüten fressen, noch ehe die Forscher Ergebnisse ihres Tests vorliegen haben. "Wenn der nächste Sommer so wird, wie in diesem Jahr", sagt Peter Meyer, "dann gehen die Petunien sowieso ein wie die Primeln."