Von Mathias Greffrath

Das Kind, das sie erwarte – so erklärt der Gynäkologe der Schwangeren –, werde mit 35 Prozent Wahrscheinlichkeit irgendwann in seinem Leben psychotisch werden. Da er auf Grund seiner Disposition in starkem Maße zu Herzkrankheiten neige – so eröffnet es der Versicherungsagent dem Kunden –, müsse er den erhöhten Beitrag entrichten. Leider – so bedeutet es der Personalchef dem Bewerber – komme er für die Leitungsfunktion nicht in Frage: Die Gensonde habe ergeben, daß trotz makellosen Lebenswandels eine erbliche Disposition zu Alkoholismus nicht auszuschließen sei.

Derartiges könnte schon bald Wirklichkeit sein, wenn die Forschungen zur "Prädiktiven (voraussagenden) Medizin" erfolgreich sind, die der Brüsseler EG-Ministerrat, zunächst mit 30 Millionen Mark, fördern will. Das Programm, das in diesen Tagen vom Bundesrat in Bonn diskutiert wird, kommt harmlos daher. Es soll, als "europäische Antwort auf die internationalen Herausforderungen", vor allem in den Vereinigten Staaten und in Japan, die europäischen Forschungen auf dem Gebiet der Gentechnik koordinieren. Es geht um die Schaffung einer Grobkarte des menschlichen Genoms und seine Aufstückelung, um die künstliche Vermehrung der Teilstücke zu Forschungszwecken (Klonbibliothek) und um die zentrale Sammlung der Forschungsdaten. Das langfristige Ziel ist die Gentherapie erblich bedingter Krankheiten.

Mittelfristig sollen die Diagnosemöglichkeiten verbessert werden. Und bereits damit wird eine ganze Reihe von rechtlichen, sozialen und psychischen Problemen geschaffen. Aufgeschreckt wurde eine Handvoll Bonner Parlamentarier vor allem durch die allzu "umfassende" Begründung des Programms. Den Forschungsförderern in Brüssel geht es nämlich nicht nur um seltene Erbkrankheiten im engeren Sinn, wie Veitstanz oder Muskeldistrophie, sondern auch um "Volkskrankheiten" wie Magengeschwüre, Arthritis, Herzkrankheiten, Krebs; um Krankheiten – wie die manisch-depressive Psychose und die Epilepsie –, bei denen Anlage und Umwelt auf eine Weise zusammenspielen, die bis heute umstritten ist.

Alle diese Störungen, so heißt es in der Brüsseler Vorlage, brechen aus, wenn "von der genetischen Struktur her für diese Krankheit anfällige Personen oder Populationen bestimmten Umweltbelastungen ausgesetzt sind; die Krankheitsverhütung wird davon abhängen, inwieweit die Belastung der Population oder, was wahrscheinlicher ist, der anfälligen Personen vermindert werden kann". Und dann folgt der Satz: "Da es höchst unwahrscheinlich ist, daß wir in der Lage sein werden, die umweltbedingten Risikofaktoren vollständig auszuschalten, ist es wichtig, daß wir soviel wie möglich über die Faktoren der genetischen Disposition lernen". Ziel dieser Anstrengung soll es sein, "gefährdete Personen (zu) identifizieren ..., vor Krankheiten zu schützen ... und gegebenenfalls die Weitergabe der genetischen Disponiertheit an die folgende Generation zu verhindern".

Im Klartext: Es ist nicht möglich, die Luft, die Arbeitsbedingungen, die ungesunden sozialen Verhältnisse zu verändern. Muß man also das, Leben der potentiell Kranken verhindern? Da ist er wieder, jener Hauch von Eugenik, der die Gentechnik von Anfang an umgibt.

Mit Hilfe von Reihenuntersuchungen und Diagnosehilfen (für die das Brüsseler Papier schon in der nächsten Zukunft einen jährlichen Markt von zwei bis vier Milliarden Mark sieht) sollen die "Ausgaben im Gesundheitswesen, die in Europa ständig zunehmen und ein ernsthaftes Problem für die... Regierungen darstellen", gesenkt werden – "bei gleichzeitiger Stimulierung der europäischen Industrie".