Englische Exzentriker

Von Manuela Reichart

Zum Stichwort Exzentrik schrieb Edith Sitwell, die große englische Dichterin der Moderne (1887-1964): "Exzentrik ist nicht, wie langweilige Leute uns glauben machen wollen, eine Form von Verrücktheit, sondern oft eine Art unschuldiger Stolz. Geniale und aristokratische Menschen werden häufig als exzentrisch betrachtet, weil das Genie wie der Aristokrat vollkommen unerschrocken und unbeeinflußt sind von den Meinungen und Launen der Masse."

Edith Sitwell war beides: Genial und aristokratisch und also eine begnadete Exzentrikerin. Hineingeboren in ältesten englischen Adel entsprach sie – zu groß, zu platt – nicht dem weiblichen Schönheitsideal, sah darin jedoch (im Gegensatz zu ihren entsetzten Eltern) keinen Nachteil, den es zu verbergen galt, sondern eine Chance zur Persönlichkeit, zur "höchstmöglichen Stilisierung" der eigenen Person. In einem Selbstporträt, 1936 erschienen unter dem Titel "That English Eccentric Edith Sitwell", heißt es dazu: "Wozu sollte man versuchen, wie ein Pekinese auszusehen, wenn man ein Windhund ist?"

So ist es auch nicht weiter verwunderlich, daß diese (bei uns leider ganz unbekannte) avantgardistische Lyrikerin, für die der Rhythmus "einer der wichtigsten Vermittler zwischen Traum und Wirklichkeit" war und die (heute wieder ganz zeitgemäß) sich aussprach gegen "die hübschen, kleinen Gelegenheitsgedichte, die niemandem wehtun und deren privater Inhalt sich in einer unverletzten, weil abgetragenen Sprache kundtut", daß Edith Sitwell sich auch literarisch mit Exzentrikern beschäftigt hat. In den dreißiger Jahren wurden ihre (jetzt zum ersten Mal und kongenial von Kyra Stromberg übersetzten) Porträts geschrieben, die sich selbstverständlich auf englische Damen und Herren beschränken, denn "Exzentrik kommt vor allem in England vor, und zum Teil, glaube ich, wegen der spezifischen und befriedigenden Einsicht in die eigene Unfehlbarkeit, die ein Kennzeichen und Geburtsrecht der britischen Nation ist." Und wer das nicht glauben will, der lese hier nach, staune und amüsiere sich etwa über "die Unfähigkeit zu unterbrechen", die in "literarischen Kreisen des Jahres 1846 ein großes Problem" gewesen sein muß. Worunter vor allem eine gebildete und emanzipierte Dame namens Margaret Fuller zu leiden hatte, welche, klug und rhetorisch versiert, sich nicht zuletzt dadurch auszeichnete, daß sie sich stets in die falschen Männer verliebte.

Man erfährt in diesen Geschichtslektionen besonderer Art aber zum Beispiel auch Genaueres über "einige Modeliebhaber", die bei Kleidung, Kaleschen oder sonstigen Herren-Vorlieben weder Kosten noch Mühen scheuten. Berichtet wird etwa von Lord Petersham, der, als jemand ein besonderes Stück seiner Schnupftabaksdosen-Kollektion bewunderte, erwiderte, dies sei "eine nette Sommer-Dose, aber zur Winterkleidung paßt sie nicht". Keine Exzentrik, die es in England, glaubt man Edith Sitwell, nicht gab.

Besonderen Eindruck macht in dieser Sammlung sich hervorhebender Menschen und Eigenschaften, Moden und Marotten jedoch nicht so sehr jener Mr. Parr, der mit achtzig Jahren zum ersten Mal heiratete und dem von da an das Heiraten zur Gewohnheit wurde, bis er mit 105 öffentlich Buße tun mußte, weil er "zweifellos aufgrund eines Versehens ... die Zeremonie umgangen hatte"; nein, nachhaltig im Gedächtnis bleibt vor allem die Mode wohlhabender Land-Edelleute des 18./19. Jahrhunderts, sich einen sogenannten Schmuck-Eremiten zu halten. Die Stellung wurde in der Zeitung ausgeschrieben, und die Bedingungen, für deren Erfüllen eine stattliche Summe winkte, lautete etwa so: "Sieben Jahre in der Eremitage zu bleiben, wo er mit einer Bibel, einer Brille, einer Fußmatte, einem Strohsack als Kissen, einem Stundenglas als Zeitmesser, Wasser als Getränk und Nahrung aus dem Hause versehen werden sollte. Er mußte ein wollenes Gewand tragen und durfte sich unter gar keinen Umständen die Haare, den Bart und die Nägel schneiden, nicht jenseits der Grenzen von Mr. Hamiltons Besitz herumstreunen oder auch nur ein Wort mit dem Diener wechseln."

Was dem Schrebergartenbesitzer heute sein Gartenzwerg, war dem Landlord damals sein Schmuck-Eremit. Wobei, Bart hin oder her, hier auch von einer Schmuck-Eremitin berichtet wird.

Englische Exzentriker

  • Edith Sitwell:

Englische Exzentriker

Eine Galerie höchst merkwürdiger und bemerkenswerter Damen und Herren, aus dem Englischen, mit einem Vorwort und einer Nachbemerkung von Kyra Stromberg; Wagenbach Verlag, Berlin 1987; 174 S., 29,80 DM