Ein wichtiges Motiv in Wolfgang Koeppens Nachkriegsroman "Tauben im Gras" ist der Besuch des angelsächsischen Dichters Edwin im auch intellektuell und geistig zerstörten Deutschland. In der Edwin-Figur verbergen sich deutlich Züge T. S. Eliots, der "als Dichter des christlichen Abendlandes seinen Platz im deutschen Bewußtsein" fand. In seiner zum Zentenarfest skandalöserweise unverändert wiederaufgelegten Bildmonographie "T. S. Eliot" (Rowohlt rm 119, 9,80 DM; Erstausgabe 1966) nennt Johannes Kleinstück einige Gründe, warum gerade Eliot in Deutschland nach 1945 zum Vorbild werden konnte: Er "vereinigte Tradition und Modernität", und er hatte "Konversionen erfahren, vom Amerikaner zum Europäer und Katholiken anglikanischer Konfession. Außerdem kam er den spezifisch deutschen Problemen noch durch sein Drama ‚Mord im Dom‘ entgegen". Eliots Bedeutung als Lyriker ist umstritten; unumstritten ist allerdings seine Bedeutung als Anreger und Vermittler moderner Literatur, die zum Beispiel durch "T. S. Eliots Joyce-Lesebuch" (Suhrkamp st 1398, 12-DM) belegt wird: ein von Eliot eingeleiteter und mit einem biographischen Nachwort versehener Längsschnitt durchs Werk des Iren, der die Entwicklung, aber auch die Kontinuität Joyces von frühen Erzählungen bis "Finnegans Wake" deutlich macht.

Nicht nur Eliots hundertstem Geburtstag wurde in diesem Jahr gedacht, auch die aus Neuseeland stammende Katherine Mansfield wurde 1888 geboren. Zum Jubiläum erschien eine preiswerte Kassette mit sämtlichen Erzählungen in fünf Bänden (Fischer TB 9269-9273, dt. EA 1980; 48,– DM), der Elisabeth Schnacks "Biographische Skizze" beigegeben ist. Einen guten Einstieg in die schlanken Geschichten dieser Autorin bietet auch der von Esther Scheidegger edierte Band ausgewählter Erzählungen mit dem Titel "Seligkeit" (Luchterhand SL 803, 12,80 DM). Katherine Mansfield schrieb gelegentlich voll "jugendlicher Bitterkeit und grobem Zynismus", doch sind ihre fast lyrischen, zugleich realistischen Erzählungen meist von großer Zartheit; sie erinnern an Bilder des Spätimpressionismus: "Und gerade so wie an einem solchen Morgen die milchweißen Nebel steigen, um Schönheit zu enthüllen und sie dann wieder zu verhüllen, so habe ich versucht, diesen Nebel von meinen Personen zu heben, sie erscheinen zu lassen und sie darauf wieder zu verbergen."

Der gebürtige Pole Joseph Conrad lernte die englische Sprache bekanntlich erst als Erwachsener – und wurde dennoch zu einem ihrer größten Schriftsteller. In seiner Bildmonographie "Joseph Conrad" (Rowohlt rm 384, 9,80 DM) weist Peter Nicolaisen auch auf die vielfältigen Einflüsse hin, die Conrad auf andere Autoren ausübt. Brigitte Kronauer hat im Roman "Berittener Bogenschütze" (1986) ein Hauptmotiv Conrads mit dem eigenen Projekt zusammengeschlossen: "Das Aufstrahlen der Welt und ihr Verdunkeln, das verheißungsvolle Licht auf den Dingen und die Ernüchterung ... Er hat es zum Prinzip seiner Geschichten gemacht. Er muß es so erlebt haben, das magische Leuchten einer Sache, einer Person, eines Umstands, und das grausame Erwachen im Herkömmlichen. Dieses Erlebnis, diesen Schock bereitet er nun, unersättlich wie im Verhängnis einer Buße, seinen Lesern." Eine kurze Variante dieses grausamen Erwachens im Herkömmlichen lieferte Conrad mit seiner subtilen Studie einer Ehekrise, "Die Rückkehr" (Fischer TB’9309, dt. EA 1963; 9,80 DM).

Conrads Meisterschaft bestand unter anderem darin, daß er überzeugende Psychologien entwarf, wenn man so will: Seelenlandschaften, ohne auf äußere Handlungsspannung zu verzichten. Die Fähigkeit zu unterhalten, ohne der Trivialität zu verfallen, spannend zu erzählen, ohne Kolportage zu schreiben, ist ohnehin in der angelsächsischen Literatur selbstverständlicher als in der deutschen, in der Unterhaltsamkeit häufig als Indiz für ästhetische Minderwertigkeit gilt. Ein gutes Beispiel für diese traditionelle englische Erzählkunst ist John Fowles’ Roman "Der Sammler" (rororo 5996, dt. EA 1964; 8,80 DM): Wie hier die Geschichte eines Sexualverbrechers mit der Perspektive des Opfers ineinander montiert ist und auf der Basis unerhörter Spannung zugleich die fast klinische Genauigkeit in der Analyse eines pathologischen Bewußtseins entsteht, zeugt von höchster ästhetischer Raffinesse.

Solche Verinnerlichung des Schreckens und Psychologisierung des Bösen geht zurück auf die Tradition der englischen Schauerromantik, der gothic novels, als deren Erfinder Horace Walpole mit seinem Roman "Die Burg Otranto" gilt (Insel it 1087, 12,– DM). In einem instruktiven Nachwort weist Norbert Kohl darauf hin, wie sich die bei Walpole noch klare Trennung zwischen Gut und Böse, Verbrecher und Opfer, Verfolger und Verfolgtem, Schuld und Unschuld im 19. Jahrhundert auflöste. In Mary Shelleys bekanntem, aber vermutlich kaum gelesenen "Frankenstein oder Der moderne Prometheus" (Insel it 1030, 16,– DM) ist dann eine Ebene erreicht, wo das Geschöpf untrennbar mit seinem Schöpfer verbunden bleibt: "Du bist mein Schöpfer, aber ich bin dein Herr!" Es geht in Mary Shelleys Roman aber nicht bloß um das Verhältnis von schöpferischer Fiktion und fiktiver Schöpfung, sondern das (durch Verfilmungen reichlich ver- und entstellte) Werk läßt sich heute auch als "eindringliche Warnung vor der "genetischen Bastelsucht’" der Naturwissenschaft lesen, "eine Mahnung, sich der sittlichen Verantwortung für die Folgen humangenetischer Manipulation bewußt zu bleiben." (Norbert Kohl)

Während Conrad wie auch Katherine Mansfield in eher impressionistischen Evokationen "menschliche Fälle" mit quasi psychologischen Horchposten umstellten, knüpfte Conrads Zeitgenosse John Galsworthy an den gesellschaftskritischen Realismus eines Dickens oder Thackeray an. Galsworthy, der 1932 den Nobelpreis erhielt, beschrieb in seinem berühmtesten Roman "Die Forsythe-Saga" (dtv 10890, 19,80 DM) "das Eindringen der Schönheit und des Freiheitsanspruchs in eine besitzorientierte Welt". Die großangelegte Familiengeschichte schildert Höhepunkt und Verfall der viktorianischen Epoche und wurde häufig mit Thomas Manns "Buddenbrooks" verglichen. In Konkurrenz zur radikaleren Moderne (Joyce, Lawrence, Woolf) verlor sich der Einfluß des "dichterischen Historikers des englischen Bürgertums" allerdings relativ schnell. Als Nachkömmling des betulichen Realismus Galsworthys könnte man heute Angus Wilson sehen, der in seinem Roman "Später Ruf" (Fischer TB 8276, dt. EA 1964; 14,80 DM) ironisch-liebevolle Genrebilder des Kleinbürgertums in der englischen Provinz malt.

Pointierte Einblicke in die widersprüchliche Stimmungslage Englands während der Thatcher-Ära vermittelt Peter Nonnenmachers Buch "Das blau-rote Königreich" (Luchterhand SL 802, 18,80 DM). Der als Großbritannien-Korrespondent deutscher Zeitungen in London lebende Autor analysiert auf sehr lesbare Weise in seinen Essays und Glossen "die sich weitende, soziale Kluft zwischen Arm und Reich, den wachsenden Gegensatz zwischen dem ‚blauen‘ Britannien der wohlhabenden, Tory-treuen Bevölkerungsschichten ... und dem ‚roten‘ Britannien der bei der Labour-Opposition Rückhalt suchenden, vernachlässigten, irritierten, erbosten Menschen". Ein Autor dieses "roten" Britanniens ist der Dramatiker Harold Pinter, der auch in seinen fünf neuen Kurzdramen "An anderen Orten" (rororo 12371, 7,80 DM) kein Blatt vor den Mund nimmt. Pinter protestiert gegen Konservatismus und wiedererwachten Militarismus, dem pazifistische Gesinnung als Drückebergerei erscheint: "Wollen Sie das Andenken Ihres Vaters diffamieren, entwürdigen? Ihr Vater hat für sein Land gekämpft... Er glaubte an Gott. Er hat nicht gedacht, wie Ihr Scheiß-Säcke ... Er war bereit zu sterben, bereit zu sterben, bereit zu sterben, für sein Land, für seinen Gott."