Erst dreht sich nur der Propeller des linken Motors. Dann bewegen sich, in dicke Rauchschwaden gehüllt, die beiden Rotorblätter rechts und in der Mitte des Bugs. Die Kraft der drei 600 PS starken Motoren läßt die Junkers Ju 52, Baujahr 1936, erzittern. Die Maschine schüttelt sich und mit ihr die 16 Passagiere, die mit dem Flugzeug in dreieinhalb Stunden die Strecke von Linköping südwestlich von Stockholm nach Hamburg zurücklegen. Es wird der längste Flug sein, den die "alte Dame" Ju bewältigt, seitdem sie vor zwei Jahren von der Lufthansa wieder in Betrieb genommen und auf den Namen "Berlin Tempelhof" getauft worden war.

Wir sind bis zum Ende der Startbahn gerollt. Nun laufen die Motoren hoch und entwickeln mit kernigem Sound ihre volle Kraft. Die Zeiger der kreisrunden, auf die Tragflächen montierten Benzinuhren – für Piloten und Passagiere gleichermaßen gut sichtbar – zeigen an, daß jeder der beiden Flügel 2100 Liter Treibstoff enthält. Die Maschine beschleunigt gemächlich. Nach etwa 500 Metern hat sie ein Tempo von rund 120 Stundenkilometern erreicht und hebt ab.

Anders als in modernen Jets werden die Passagiere beim take off nicht in ihre Sessel gepreßt. Dafür müssen sie mit anderen Unannehmlichkeiten fertig werden, denn das Schaukeln des Flugzeugs in Längs- und Querrichtung ist nichts für empfindliche Mägen, und natürlich ist jedes Luftloch zu spüren. Fliegen als sinnliches Erlebnis, verbunden mit dem Gefühl, vom Element Luft gleichermaßen getragen und gebeutelt zu werden: Das ist es, was Ju-Flieger zu Liebhabern der betagten Maschine macht. Auf diese Weise können sie in der röhrenden Kiste die Pioniertage der Luftfahrt noch einmal hautnah nachvollziehen.

In gut 300 Metern Höhe gleitet die "alte Tante Ju" unter gewaltigem Dröhnen und im behäbigen Tempo von 170 Stundenkilometern dahin. Ortschaften, Felder, Schiffe – sie scheinen bei einem Blick aus dem Fenster zum Greifen nahe zu sein, sogar die Schindeln der Hausdächer sind erkennbar. Immer wieder sieht man Fußgänger, die auf der Straße stehenbleiben und zu unserem fliegenden Veteranen hinaufschauen, der sich bereits von weitem mit einem tiefen Brummton ankündigt.

Die Kopfhörer, mit denen sich Piloten und Flugingenieure gegen die bedrängenden Phonzahlen zu schützen versuchen, können das Motorengeräusch allerdings nur unzulänglich abschotten. Und auch die Passagiere, die ihre Trommelfelle mit Wattestöpseln zu schützen suchen, stellen am Ende des Fluges fest, daß ihnen das Brummen noch nach der Landung in den Ohren klingt.

Vor zwei Jahren hatte die Lufthansa die Ju 52 in ihrer Hamburger Werft detailgetreu restaurieren und auf den neuesten Stand der Technik bringen lassen. Vorausgegangen war dieser gründlichen Überholung ein Abenteuer eigener Art, denn die Maschine mußte in 16 Tagen über eine Strecke von 8000 Kilometern aus Amerika in die Bundesrepublik geflogen werden. Wie sich herausstellte, war das Traditionsflugzeug jenseits des Atlantiks aus Bauteilen von zwei verschiedenen Flugzeugen zusammengesetzt worden. Anders als ihr historisches Vorbild hatte es auch drei schmalere Propeller erhalten. Jetzt verfügt die Ju 52 sogar über eine kleine Bordküche.

Der Flugingenieur Dieter Löwe, der selbst "auf der Boeing 707 groß geworden ist", bestätigt der fliegenden Wellblechkiste, daß sie voll den heute vorgeschriebenen Sicherheitsbestimmungen entspricht. Dieter Löwe gehört zu den wechselnden Mitgliedern einer Crew von zwölf Flugkapitänen, zwei Kopiloten, zehn Flugingenieuren und 24 Stewards und Stewardessen, die für ihren Einsatz nicht bezahlt werden, sondern für das altertümliche Flugvergnügen gern ihre Freizeit opfern.