Von Jürgen Manthey

Obwohl erst 1985 (im Alter von 84 Jahren) gestorben, zählt James Hanley selbst in England zu den völlig verschollenen Schriftstellern. Die letzte Taschenbuchausgabe eines seiner Romane ist längst vergriffen. Nachschlagwerke und Literaturgeschichten verzeichnen kaum mehr als seinen Namen, und die meisten nicht einmal das. Dabei ist er einer der produktivsten und, in den dreißiger Jahren, sensationellsten Autoren der englischen Literatur gewesen. Sein Roman "Boy" (1931) wurde von der englischen Zensur unterdrückt, weil er Gewalt in einer Kraßheit darstellte, wie es das in England noch nicht gegeben hatte. Schon seine erste Veröffentlichung, die Erzählung "The German Prisoner" (1930), hatte zwei Homosexuelle im Mordrausch gezeigt und dem Leser keine Einzelheit des grausamen Tötungsrituals an einem deutschen Kriegsgefangenen erspart.

James Hanley stammte aus Irland und wuchs in Liverpool auf. Mit vierzehn Jahren fuhr er als Schiffsjunge zur See und sammelte die Eindrücke, die zu seinem Roman "Boy" führten, das Martyrium eines Schiffsjungen, der an den Mißhandlungen der Besatzung zugrunde geht und zuletzt von der Hand des Kapitäns durch den Tod "erlöst" wird.

Als der Roman "Ozean" – der jetzt als erster Band der "Gesammelten Werke" von James Hanley auf deutsch erscheint – 1941 in England herauskam, hatte der Autor bereits 21 Bücher veröffentlicht. Darunter die vier Romane seiner "Furys Chronicle", die Geschichte eines Liverpooler Seemanns und Hafenarbeiters, der am Schluß, als sein Schiff von einem deutschen Torpedo getroffen untergegangen ist, nach Irland zurückkehrt – dorthin, von wo die Eltern des Autors nach England gekommen waren.

Hanley wurde danach und erst recht nach seiner South-Wales-Reportage "Grey Children" (1937) als "proletarischer" Schriftsteller von der linken Presse gefeiert, gedruckt und von George Orwell öffentlich gelobt. In einem Zusammenhang allerdings, in dem sich Orwell gegen den Begriff "proletarische Literatur" wendet: Es gebe, meint Orwell, nur eine Literatur. Nur weil einer in einem Arbeiterhaushalt aufgewachsen sei, schüfe er deswegen noch keine neue, "unabhängige" Literatur. Er sei höchstens das schwarze Schaf in der großen Familie der bürgerlichen Autoren.

Hanleys Darstellung der Gewalt, wie sie unter Angehörigen der unteren Schichten offener zutage trat, verriet bereits, daß ihm an propagandistischer Schönfärberei vom Klassenstandpunkt aus nichts lag. Auch hielt er, wie er zu Beginn des Romans "Secret Journey" (1936) klarzustellen versucht hat, wenig von sozialwissenschaftlichen Erörterungen über arm und reich.

In den beiden Romanen "Ozean" und "Das Haus im Tal", die 1941 und 1951 erschienen, ist von den Milieuschilderungen, für deren "Realismus" der Autor einmal berühmt war, nichts mehr zu finden. In "Ozean" hat der Matrose, aus dessen Sicht erzählt wird, noch Züge eines proletarischen Helden, etwa, wenn ein Betrachter bei seiner Erscheinung an "Eisen, Granit", an einen Felsen denken muß. Doch er selbst weist immer wieder von sich, zuversichtlicher, klüger zu sein, was die Zukunft betrifft: Er ist nicht der starke Mann, den sie sich erhoffen.