Moskau, im November

Aus dem "mit – streng überwachtem – Wohlverhalten" erkauften "Lebensabend im vertrauten Moskau" (so die FAZ über Sacharows Freilassung im Dezember 1986) ist nichts geworden. Kein Tag im Leben des Andrej Dimitrijewitsch seit seiner Rückkehr aus der Verbannung in Gorkij hat dem Wohlverhalten und der Ruhe gedient. In dieser Woche ist der russische Weltbürger der Menschenwürde, den keine Erniedrigung im Osten und keine Ehrabschneidung im Westen daran gehindert hat, sein Gewissen und seine Wahrheitssuche stets über den Wettkampf der Systeme zu stellen, nach Amerika gereist – in das für den angeblichen Geheimnisträger 30 Jahre lang verbotene Land.

Offizieller Anlaß dieser Reise war Sacharows Teilnahme an der Tagung der Internationalen Stiftung für das Überleben und die Entwicklung der Menschheit, zu dessen Vorstand der Nobelpreisträger ebenso gehört wie der Ölmillionär und Lenin-Freund Armand Hammer, der Weltbankpräsident Robert McNamara und der Unesco-Direktor Federico Mayor. Doch die eigentliche Botschaft, die Moskaus Reformpolitiker durch Andrej Sacharows Visite für die amerikanische Präsidentenwahl und den Morgen danach übermittelten, lautete: Das Problem der Menschenrechte hat die sowjetisch-amerikanischen Beziehungen in den vergangenen Jahren in der Tat am meisten belastet; es wird aber für die kommenden Verhandlungen die geringste Bürde sein.

Anfang dieses Jahres, bei der Gründung der Überlebensstiftung in Moskau, war Andrej Sacharow, den Gorbatschow nach 21 Monaten Amtszeit am 16. Dezember 1986 mit einem direkten Telephonanruf aus dem Zwangsexil in Gorkij zurückgeholt hatte, zum erstenmal mit einem sowjetischen Parteichef zusammengetroffen. Trotz seiner offen bekundeten Sympathie für die Perestrojka und die persönliche Integrität Gorbatschows hatte der Nobelpreisträger dem Generalsekretär bei dieser Gelegenheit demonstrativ eine Liste mit den Namen von rund 200 politischen Gefangenen überreicht. Viele von ihnen sind inzwischen frei – was Andrej Sacharow nicht davon abhält, seine Stimme mit dem sanften Timbre und den im entscheidenden Moment gestochen scharfen Worten weiter zu erheben, solange er Gefangene des Gewissens, Mißachtung der Menschenrechte und Niederhaltung der Nationalitäten ausmacht.

Entscheidend – und bezeichnend für Sacharow – ist indessen, daß er jetzt nicht nur auf die ererbten, alten Übel verweist. Auch gegenüber den neuen Gefahren und Widersprüchen des Reformkurses zeigt er kein "Wohlverhalten". So hat er in der vergangenen Woche mit drastischen Formulierungen davor gewarnt, Michail Gorbatschow drohe in einen systembedingten Teufelskreis der Machtkonzentration zu geraten. In der Tat: Um die Gesellschaft zu demokratisieren und die Wirtschaft zu dezentralisieren, hat sich der Generalsekretär und neue Staatspräsident mit seiner Ämterhäufung eine superzentralistische Herrschaftsposition geschaffen. Selbst wenn das alte System wirkungsvoll nur mit seinen eigenen Machtmitteln überwunden werden kann – Chruschtschow zum Beispiel leitete seinen tapferen Reformversuch mit der skrupellosen Entmachtung und Liquidierung Berijas ein –, so hat Sacharow doch einen gefährlichen Punkt getroffen: "Heute ist es Gorbatschow – aber schon morgen kann ein anderer kommen. Und es gibt keine Garantien –, darüber müssen wir uns völlig im klaren sein – keine Garantien!"

So ist Andrej Sacharow sich selbst treu geblieben, so sehr sich sein Leben auch seit der Rückkehr aus der Verbannung verändert hat. Fast Tag und Nacht wird er belagert von immer noch drangsalierten Bittstellern aus allen Teilen der Sowjetunion, von den nach Interviews drängelnden Journalisten, von westlichen Diplomaten, die für ihren anreisenden Minister oder Kanzler ein werbewirksames Zusammentreffen mit dem gebrechlichen Menschenrechtler arrangieren müssen, von Akademie- und Institutsvertretern, die Aufrufe oder Erklärungen unterzeichnet haben wollen. In all dem Trubel hält Andrej Sacharow in seinen obligaten Strickjacken, ausgebeulten russischen Jeans und aufgeplatzten Lederpantoffeln mit gebeugter Geduld die Stellung des personifizierten Gewissens. Wenn alle Belasteten und Besorgten, Weggefährten und Wegelagerer oft erst gegen Morgen die kleine Wohnung im düsteren Klotz, den einst deutsche Kriegsgefangene gebaut haben, verlassen haben, macht sich das Akademiemitglied oft noch über den Abwasch her. Warum? "Nicht alle Besucher", beschied er einen sowjetischen Gast, "können gewissenhaft abwaschen."

Gewissenhaft – das ist das einzig gültige Kriterium für alle großen und kleinen Entscheidungen und Handlungen Andrej Sacharows. Daß er sein Gewissen stets über die gewohnten Feindbilder stellt, läßt ihn immer wieder anecken – bei jenen im Westen, die Menschenrechtsfragen nur politisch instrumentalisieren, wie bei radikaleren Dissidenten in Moskau. Letztere verübelten ihm, daß er Gorbatschow auf dem Friedensforum 1987 applaudierte. Doch Andrej Sacharow sieht seine Verantwortung vor der Geschichte zuallererst im eigenen Lande gefordert. Deshalb kämpft er mit Vorrang für jene, die in der Sowjetunion selbst eine bessere Welt schaffen wollen, statt sie draußen zu suchen. Deshalb hat er nie aufgehört, was ihm viele als unverzeihliche Naivität ankreiden, an die Reformfähigkeit seines geschundenen Landes, an die Alternative eines aufgeklärten Sozialismus mit menschlichem Antlitz zu glauben.