Ebenso hat der noch amtierende Regierungschef Schamir den Rechtsaußen-Parteien, seinen natürlichen Partnern, klargemacht, daß auch sie vom hohen Roß herunter müßten: keine Annektion Westjordaniens und des Gaza-Streifens, keine hemmungslose Ausbreitung neuer Siedlungen, keine bindende Garantie zur Einführung der Todesstrafe für palästinensische Terroristen. Umgekehrt könnte auch Schimon Peres seinen Bündnisgenossen auf der Linken keinen bedingungslosen Rückzug aus den okkupierten Territorien zugestehen, vorläufig nicht einmal die Anerkennung einer konzessionswilligen Palästinensischen Befreiungsorganisation unter Jassir Arafat als Verhandlungspartner auf einer Internationalen Friedenskonferenz.

Sollte also keiner der beiden Hauptkoalitionäre in absehbarer Zeit mit seiner jeweiligen Klientel zu Rande kommen, böte sich wieder nur der Ausweg einer Elefantenhochzeit – wobei die Arbeitspartei Schimon Peres fallen lassen müßte (was Schamir als Brautpreis verlangt und führende Sozialdemokraten leichten Herzens hinnähmen, zur Strafe für den ungeliebten Verlierer); wobei Ariel Scharon vom Likud seine Hoffnung, endlich als wiederernannter Verteidigungsminister rehabilitiert zu werden, begraben müßte.

Doch solche Vorausrechnungen einer Jerusalemer Regierung in spe gehören noch ins Reich der Spekulationen. Spekulativ sind deshalb auch alle Prognosen über die mutmaßliche Außenpolitik eines künftigen Kabinetts: Ob es mit dem Zuckerbrot "Autonomie" für die Palästinenser unter israelischer Besatzungsmacht lockt, um der neuen Administration in Washington zu gefallen, wohl wissend, daß niemand darauf hereinfällt, für Jerusalem also doch bloß die Aneignung der Gebiete übrigbleibt. Oder ob die neue Regierung mit einer weiteren Peitsche "Vergeltung", diesmal gegen die irakischen Giftgasfabriken, seinen Verteidigungswillen um jeden Preis vor aller Welt demonstriert, wie weiland Menachem Begin mit dem Angriff auf Bagdads Atomreaktor. Mit solchen Schachzügen und Handstreich-Aktionen muß, ist eine Regierung in Jerusalem erst einmal am Ruder, jederzeit gerechnet werden.

Unabweisbar und unübersehbar dagegen ist die gesellschaftliche Revolution, die in Israel stattgefunden hat und die an diesem Wahltag, einem historischen Datum in der Entwicklung des Judenstaates, augenfällig geworden ist. Israel nach diesem Volksentscheid vom November 1988 ist ein anderes Israel. Die Periode des Ideals des staatstragenden Zionismus weicht einer Epoche des religiösen Fundamentalismus, in der die Synagoge sich anschickt, gegen den Staat Front zu machen, ihn umzuformen, ihn womöglich sogar zu unterwerfen.

Aufgeklärte, liberale Israelis, die immer noch die Mehrheit bilden (gegenüber lediglich knapp 15 Prozent Orthodoxe und Ultraorthodoxe) beschwören die Gefahr eines Kulturkampfes, auch eines Bürgerkriegs herauf, den Juden gegen Juden austragen würden. Die Narren hätten diesmal gewonnen, beklagte noch Eser Weizman, Wahlkampfmanager der geschlagenen Arbeitspartei, am Tag danach. Die Zeloten sind auf dem Vormarsch, Israel in ihre Gewalt zu bekommen, befürchten Kommentatoren wie Gelehrte und erinnern an alte Begebenheiten aus der Frühgeschichte des Judentums.

Virulenter Fundamentalismus

Die einen deuten es als Ausdruck latenter Unsicherheit: Wo die Politiker keine gültigen, glaubhaften und akzeptablen Antworten auf die drängenden Fragen von Frieden und Fortschritt parat haben, flüchten sich immer mehr Menschen in die schützende, wärmende Obhut von Wunderrabbis. Sie waren es, die in den letzten Wochen vor der Wahl den Kranken Heilung, den Armen Wohlstand, den Blinden Sehkraft, den unfruchtbaren Frauen reichen Kindersegen versprochen haben – im Namen ihres Gottes. Eine wachsende Welle der "Wiedergeborenen", der Wiedergläubigen geht über Israel hinweg. Kein Wunder, daß da, wo Minister scheitern, Gewerkschaften versagen, Wirtschaftsunternehmen bankrott gehen, Wundertäter mit Geld, Versprechungen, Verheißungen ihre leichte Beute machen. Es gibt Stadtteile, wie in Jerusalem, wie in Tel Aviv oder in Haifa, wo radikale Religiöse den scharfen Ton angeben, sich bisher noch mit Blockaden von Straßen und Kinos zum Sabbat, mit Gewaltdemonstrationen gegen gemeinsame Badeanstalten für Männer und Frauen und gegen eine offenherzige Bademodenreklame begnügt haben. Demnächst aber wollen sie in allen Städten und Landesteilen allein bestimmen wollen, was gottgefällig ist, also statthaft und von Staats wegen erlaubt sein soll: ein Leben unter dem Diktat religiöser Rituale. Schon vor zwei Jahren, als es zu heftigen Zusammenstößen zwischen rabiaten Ultrafrommen und der Polizei gekommen war, warnte Präsident Chaim Herzog: "Die Situation ist wie ein Haufen Dynamit. Wenn wir ihn nicht entschärfen, kann er zum Schaden aller in allen Lagern explodieren."