Demographische Umwälzungen verstärken die Sprengsatzwirkung des virulenten Fundamentalismus: Die Sepharden, Juden aus der arabischen Umwelt, drängen mit ihrer großen Kinderzahl die Aschkenasen, Juden der westlichen Hemisphäre, allmählich in die Minderheit. Israel wird immer mehr ein Land des Orients. Die Sepharden, in der Mehrheit noch immer Bürger zweiter Klasse, bildeten auch das wichtigste Wählerreservoir der religiösen Parteien. Vor zehn Jahren fing sie noch Menachem Begin, der große Zauberer, für seinen Likud ein, mit Fernsehapparaten und Waschmaschinen als wohlfeilen Wahlgeschenken (und brachte damit die Inflation auf die Rekordhöhe von fast 500 Prozent). Heute folgen sie dem Lubavitscher Rebbe Menachem Schneerson, der in Brooklyn residiert, über Millionen Dollar verfügt, noch nie israelischen Boden betreten hat (weil er erst die Rückkehr des Messias abwarten muß) und seinen Anhängern Gottes reichen Segen verhieß, wenn sie für die von ihm favorisierte Schas-Partei votierten, die Partei der "Wächter der Thora".

Die Thora, das mosaische Gesetz, als Israels neuer Sittenkodex? Der Talmud, der heilige Kommentar dieser Moses-Paragraphen, als künftiges Gesetzbuch der Gerichte? Die Halacha, die Religionsbestimmungen zur Wahrung des frommen Alltags, demnächst als bindendes Gebotsregelwerk von Staats wegen? Spätestens seit Beginn der intifada, des Aufstands der Palästinenser am Jordan und im Gaza-Streifen vor elf Monaten, mehrten sich in Israel die Stimmen, die eine "Korruption durch die Besatzung" beklagten. Wo Soldaten Kinder erschossen oder ihnen die Arme brachen, um sie am Werfen von Steinen zu hindern, sahen sie den hehren Grundsatz David Ben Gurions bedroht, der einmal festgestellt hatte: Israels Zukunft sei nur durch Stärke und Gerechtigkeit zu gewinnen. Gar nicht zu reden von der Vision des Propheten Jesaja, der den Juden eine Welt angekündigt hatte, wo der "Löwe Stroh fressen wird wie der Ochse". Ist Israel auf dem abschüssigen Weg vom Expansionismus über den Chauvinismus zur Intoleranz? Die Israelis haben sich inzwischen an ein neues Modewort gewöhnt: Hithardrut, was soviel heißt wie "Orthodoxierung".

Seine "Seele" habe Israel im Morast der Libanon-Invasion verloren, urteilten damals jüdische Kritiker der folgenschweren Invasion, die Ariel Scharon befehligte. Im Kampf gegen die rebellierenden Palästinenser, einem Kampf der Ungleichen zwischen einer hochgerüsteten Armee und einer mit Steinen, Stöcken und Brandflaschen bewaffneten Bevölkerung, droht Israel seines hohen moralischen Anspruchs verlustig zu gehen. Ist es jetzt dabei, seine Zukunft zu verlieren – seine Zukunft als fortschrittlicher, demokratischer, liberaler Rechtsstaat? Oder wird es, unter dem Regiment frommer Zeloten, ein großes Getto, streng verschlossen gegenüber der übrigen Welt, völlig auf sich bezogen, strikt abgekapselt, wachsam abgeschirmt, eine abgelegene Insel des Rückfalls und des Rückschritts? Siegt in Israel die Vergangenheit über die Zukunft? Eine Art Götterdämmerung taucht am düsteren Horizont auf. Und einmal mehr bestätigt sich ein selbstkritisches Urteil Eser Weizmans: "Es ist leichter, den Juden aus dem Getto zu kriegen, als das Getto aus dem Juden."