Goldene Zeiten

Von Klaus-Peter Schmid

So ändern sich die Zeiten. Als vor einem knappen Jahr die Konjunkturpropheten ihre Prognosen für 1988 abgaben, war ein Plus von zwei Prozent bei den Investitionen das allerhöchste der Gefühle. Noch Mitte 1988 klagte das industrienahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) über die Investitionsschwäche als "Achillesferse des Industriestandorts Bundesrepublik Deutschland". Die Begründung für das Manko: "Es fehlt an positiven Zukunftserwartungen und einem guten Anreizsystem."

Jetzt, kaum ein halbes Jahr später, meldet der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI): "Die Anzeichen für eine Erholung der Investitionskonjunktur sind unübersehbar. Auffallend ist der deutliche Stimmungswandel in den Unternehmen. Die Geschäftserwartungen, zu Jahresbeginn noch von Pessimismus geprägt, hellen sich zunehmend auf."

Der plötzliche Sinnes- und Stimmungswandel, ist vor allem im Ausmaß verblüffend. Nach dem Crash an den Wertpapier- und Devisenbörsen vor einem Jahr sank die Hoffnung auf eine respektable Wachstumsrate – von den Investitionen ganz zu schweigen. Wer kauft schon neue Maschinen, wenn sich die Absatzchancen für die Produkte verschlechtern ...

Vorsichtig formulierte der Bundesverband deutscher Banken im August: "Die tiefe Verunsicherung, die nach den Turbulenzen an den Finanzmärkten im Herbst vergangenen Jahres die Investitionsbereitschaft der Unternehmen gehemmt hatte, scheint überwunden zu sein." Und zum Jahrestag des Börsenkrachs konnte Staatssekretär Otto Schlecht guten Gewissens erklären: "Es ist alles ganz anders gekommen."

Spätestens seit dem Frühsommer rollt eine regelrechte Investitionswelle über die deutsche Wirtschaft hinweg. Eine "sprunghafte Nachfragezunahme" stellte die Bundesbank im deutschen Investitionsgütergewerbe fest und schloß daraus auf "eine wachsende Investitionsbereitschaft der heimischen Unternehmen". Selbst der Bau, am Jahreswechsel noch auf Stagnation eingestellt, profitiert tüchtig vom plötzlichen Elan der Unternehmer. In Zahlen heißt das: Im ersten Halbjahr 1988 haben die deutschen Unternehmen mit 138,5 Milliarden Mark um 12,5 Prozent mehr investiert als im Vorjahr, wobei die Bauinvestitionen einen 15-Prozent-Boom erlebten. Fürs ganze Jahr verspricht das Herbstgutachten der Forschungsinstitute bei den gesamten Investitionen ein Plus von über fünf Prozent.

Damit nicht genug des Guten. Nach der Befragung von 15 000 Unternehmen kam der Deutsche Industrie- und Handelstag (DIHT) Mitte Oktober zu dem optimistischen Schluß: "Die im Laufe des Jahres 1988 deutlich verbesserte Investitionsneigung wird sich im kommenden Jahr fortsetzen."

Goldene Zeiten

Genau besehen bedeutet dies die Umkehr eines langfristigen Trends. Man muß bis in die Mitte der sechziger Jahre zurückblicken, um auf eine ähnlich hohe Zunahme der gesamten Bruttoinvestitionen wie im ersten Halbjahr 1988 (um elf Prozent einschließlich des öffentlichen Sektors) zu stoßen. Nominale Zuwächse um fünf Prozent im Jahr waren das höchste der Gefühle; real gerechnet (also unter Berücksichtigung der Inflation) waren die Raten – so 1985 – schon mal negativ.

Auch im internationalen Vergleich stand die deutsche Wirtschaft nicht besonders gut da. In den vergangenen fünf Jahren, so jüngst die Westdeutsche Landesbank, war "die Investitionsdynamik bei uns deutlich schwächer als in den meisten anderen Ländern". Nicht nur Japan und die USA lagen besser, sondern auch Großbritannien, Spanien oder Italien.

Am schlechten Geschäft lag es nicht, daß die deutsche Industrie lahmte. Die Gewinne klettern seit Jahren auf immer neue Rekordhöhen, Löhne und Gehälter hinken deutlich hinterher. Doch deutsche Unternehmer legten ihr Geld lieber in Wertpapieren als in Maschinen an, das war weniger riskant und meist auch ertragreicher. Zudem wurde seit Beginn der achtziger Jahre das Kapital verstärkt im Ausland investiert, vor allem um der wachsenden internationalen Arbeitsteilung gerecht zu werden. 1986 waren die Direktinvestitionen deutscher Unternehmen im Ausland mit 29 Milliarden Mark mehr als doppelt so hoch wie 1982.

Die in den vergangenen Monaten ausgetragene heftige Debatte um den Industriestandort Bundesrepublik hat wohl in den Köpfen der Entscheidungsträger die Einsicht gefördert, daß es um die Investitionsbedingungen in der Bundesrepublik nicht allzu schlecht bestellt ist. Vor allem die irrationalen Argumente, von politischer Unsicherheit über lähmende Bürokratie bis zur Angst vor sozialen Auseinandersetzungen, scheinen plötzlich vergessen. Investieren lohnt wieder.

Entscheidend für die Trendwende ist zunächst, daß sich die Gewinnerwartungen der Unternehmen weiter verbessert haben. Im Juli schätzte die Dresdner Bank, daß die Einkommen aus Unternehmertätigkeit und Vermögen 1988 nochmals um 5,5 Prozent zunehmen werden. Damit setzt sich die eindrucksvolle Verbesserung der Gewinne seit 1982 beschleunigt fort.

Nun sind Gewinne zwar eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für Investitionen. Wenn etwa – wie das jahrelang der Fall war – die Produktion auf bereits existierenden Maschinenparks vergrößert werden kann, dann hat es meist wenig Sinn für den Unternehmer, zusätzliche Maschinen anzuschaffen. Doch auch hier gibt es jetzt nahezu Idealbedingungen. Für die der Schönmalerei kaum verdächtige Industrie stellte der BDI fest: "Die Kapazitätsauslastung befindet sich auf dem Höchststand des seit 1982 laufenden Wichstumszyklus."

Hans-Günther Süsser, Konjunkturexperte im Bundeswirtschaftsministerium, weist darauf hin, daß ähnlich positive Werte wie heute zuletzt Anfang der siebziger Jahre vorzufinden waren. So lag 1973 die Kapazitätsauslastung im verarbeitenden Gewerbe bei 87,1 Prozent, 1979 bei 84,7 Prozent und im September 1988 bei 87,4 Prozent. Wer also mehr produzieren will, der muß in vielen Fällen neue Maschinen anschaffen und möglicherweise auch zusätzliche Arbeitskräfte einstellen.

Goldene Zeiten

Auch ein anderes Argument für Unternehmer, ihre Gewinne nicht im Betrieb anzulegen, gilt nicht mehr. Sinkende Zinsen machen den Kauf von Wertpapieren nicht mehr zum todsicheren Geschäft, produktive Investitionen versprechen heute eine bessere Rendite. Süsser: "In jedem Fall ist die Sachkapitalverzinsung wieder höher als die Realverzinsung von Schuldverschreibungen."

Schon Mitte 1986 hatte das IW verkündet: "Investieren lohnt sich wieder" – dank fallender Zinsen und steigender Gewinne. Doch der Geschmack an risikoreichen Investitionsengagements blieb unterentwickelt und hat sich erst in den vergangenen Monaten eindeutig durchgesetzt.

Möglicherweise spricht sich in der Wirtschaft auch herum, daß Investitionen eine gute Vorbereitung auf den europäischen Binnenmarkt sind. Darauf deutet das Ergebnis der DIHT-Umfrage hin. Neben der Kostensenkung ist die Produktinnovation das zweitwichtigste Motiv für Investitionen im Jahre 1989. Die Kapazitätserweiterung wird an dritter Stelle genannt, gefolgt vom Umweltschutz.

Einen Schönheitsfehler hat die Erfolgsbilanz allerdings immer noch: die fast unverändert hohe Arbeitslosigkeit. Der DIHT schließt zwar aus seiner Umfrage, daß die günstigen Erwartungen "einen Hoffnungsschimmer auf den Arbeitsmarkt" werfen. Immerhin dreizehn Prozent aller Unternehmen planen, ihren Personalstand im kommenden Jahr aufzustocken, 72 Prozent wollen ihn halten. Der DIHT: "Einen so hohen Wert hat es seit Beginn der achtziger Jahre nicht mehr gegeben."

Doch gleichzeitig wächst das Angebot an Arbeitskräften, nicht zuletzt durch den Zuzug der deutschstämmigen Aussiedler. Da reicht sogar die unverhoffte Investitionskonjunktur nicht aus, um auch auf dem Arbeitsmarkt eine Trendwende zustandezubringen. Selbst wenn es am Jahresende 150 000 Arbeitsplätze mehr gibt als zwölf Monate zuvor – die Zahl der Arbeitslosen wird damit nicht geringer.