Genau besehen bedeutet dies die Umkehr eines langfristigen Trends. Man muß bis in die Mitte der sechziger Jahre zurückblicken, um auf eine ähnlich hohe Zunahme der gesamten Bruttoinvestitionen wie im ersten Halbjahr 1988 (um elf Prozent einschließlich des öffentlichen Sektors) zu stoßen. Nominale Zuwächse um fünf Prozent im Jahr waren das höchste der Gefühle; real gerechnet (also unter Berücksichtigung der Inflation) waren die Raten – so 1985 – schon mal negativ.

Auch im internationalen Vergleich stand die deutsche Wirtschaft nicht besonders gut da. In den vergangenen fünf Jahren, so jüngst die Westdeutsche Landesbank, war "die Investitionsdynamik bei uns deutlich schwächer als in den meisten anderen Ländern". Nicht nur Japan und die USA lagen besser, sondern auch Großbritannien, Spanien oder Italien.

Am schlechten Geschäft lag es nicht, daß die deutsche Industrie lahmte. Die Gewinne klettern seit Jahren auf immer neue Rekordhöhen, Löhne und Gehälter hinken deutlich hinterher. Doch deutsche Unternehmer legten ihr Geld lieber in Wertpapieren als in Maschinen an, das war weniger riskant und meist auch ertragreicher. Zudem wurde seit Beginn der achtziger Jahre das Kapital verstärkt im Ausland investiert, vor allem um der wachsenden internationalen Arbeitsteilung gerecht zu werden. 1986 waren die Direktinvestitionen deutscher Unternehmen im Ausland mit 29 Milliarden Mark mehr als doppelt so hoch wie 1982.

Die in den vergangenen Monaten ausgetragene heftige Debatte um den Industriestandort Bundesrepublik hat wohl in den Köpfen der Entscheidungsträger die Einsicht gefördert, daß es um die Investitionsbedingungen in der Bundesrepublik nicht allzu schlecht bestellt ist. Vor allem die irrationalen Argumente, von politischer Unsicherheit über lähmende Bürokratie bis zur Angst vor sozialen Auseinandersetzungen, scheinen plötzlich vergessen. Investieren lohnt wieder.

Entscheidend für die Trendwende ist zunächst, daß sich die Gewinnerwartungen der Unternehmen weiter verbessert haben. Im Juli schätzte die Dresdner Bank, daß die Einkommen aus Unternehmertätigkeit und Vermögen 1988 nochmals um 5,5 Prozent zunehmen werden. Damit setzt sich die eindrucksvolle Verbesserung der Gewinne seit 1982 beschleunigt fort.

Nun sind Gewinne zwar eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für Investitionen. Wenn etwa – wie das jahrelang der Fall war – die Produktion auf bereits existierenden Maschinenparks vergrößert werden kann, dann hat es meist wenig Sinn für den Unternehmer, zusätzliche Maschinen anzuschaffen. Doch auch hier gibt es jetzt nahezu Idealbedingungen. Für die der Schönmalerei kaum verdächtige Industrie stellte der BDI fest: "Die Kapazitätsauslastung befindet sich auf dem Höchststand des seit 1982 laufenden Wichstumszyklus."

Hans-Günther Süsser, Konjunkturexperte im Bundeswirtschaftsministerium, weist darauf hin, daß ähnlich positive Werte wie heute zuletzt Anfang der siebziger Jahre vorzufinden waren. So lag 1973 die Kapazitätsauslastung im verarbeitenden Gewerbe bei 87,1 Prozent, 1979 bei 84,7 Prozent und im September 1988 bei 87,4 Prozent. Wer also mehr produzieren will, der muß in vielen Fällen neue Maschinen anschaffen und möglicherweise auch zusätzliche Arbeitskräfte einstellen.