Von Thomas von Randow

Als ein Korrektiv des Zeitgeistes habe er sein Buch geschrieben, erklärt Manfred Eigen, als Streitschrift gegen den "Bildersturm auf Wissenschaft und Technik" und für ein "vorurteilsfreies Durchdenken aller Sachprobleme". Hervorgegangen ist das Werk aus Vorträgen, die der Nobelpreisträger und Direktor am Göttinger Max-Planck-Institut für Biophysikalische Chemie in den letzten sechs Jahren gehalten hat. Allerdings hat er sie überarbeitet und zum Teil neu geschrieben, um diese Essays, wie er meint, "in eine Gußform zu bringen".

Just dies ist ihm nicht gelungen – gottlob nicht. "Perspektiven der Wissenschaft" ist ein Bündel aus Forschungsergebnissen, Meditationen über die Ethik in der Wissenschaft, aus Hypothesen über das Leben, die Technik und Ansichten darüber, wie wir mit alledem vernünftig umgehen sollten. Aus einem Guß ist das ebensowenig wie der vielseitige Autor selbst.

Eine Warnung sei vorausgeschickt: dem nicht naturwissenschaftlich vorgebildeten Leser mag der Text zuweilen Schwierigkeiten bereiten. Zwar sind für lange Strecken die chemischen, genetischen und physikalischen Zusammenhänge verständlich und bildhaft dargestellt. Doch urplötzlich scheint der Professor die Geduld mit uns Laien zu verlieren. Auf einmal sollen wir begreifen, daß zum Beispiel "Sulfationen bei der Vereinigung mit Magnesiumionen die Wassermoleküle aus deren Hydratschale verdrängen" oder uns an das "zweidimensionale Ising-Modell des Ferromagnetismus" erinnern.

Manch einer mag vor diesen Verständnishürden kapitulieren und das Buch schon nach den ersten Kapiteln zuklappen. Schade wär’s. Denn viele der komplizierten Passagen dürfen getrost überschlagen werden, ohne daß der Zusammenhang dadurch verlorenginge. Andere wiederum – zum Beispiel die Herleitung des modernen Evolutionsbegriffs aus der Molekularbiologie – werden in einem späteren Essay noch einmal und verständlicher als zuvor behandelt. Eine entsprechende "Gebrauchsanweisung" im Vorwort oder Klappentext hätte sicher verhindert, daß gerade die Leser vorzeitig abspringen, die der Autor besonders nachdrücklich überzeugen möchte, nämlich diejenigen unter uns, die "ideologisch argumentieren oder emotional reagieren, wenn es um rational entscheidbare Fragen geht".

Rational entscheidbar sind die Fragen, die von der Gentechnik aufgeworfen werden. Eigen bezieht hier eine unpopuläre Position. Ein Gentechniker betreibt nichts anderes, als das, was die Natur von jeher mit der Evolution betrieben hat. Er bedient sich ihrer Werkzeuge, der Enzyme, mit denen er die Träger der Erbinformation umbaut, so wie es bei den natürlichen Mutationen in jedem Augenblick unzählige Male geschieht. Auf diese Weise können zum Beispiel Bakterien dazu veranlaßt werden, einen lebenswichtigen Naturstoff – etwa menschliches Insulin – herzustellen, den ein kranker Organismus nicht mehr aus eigener Kraft zu produzieren vermag.

Jede Technik birgt Unfallrisiken; deshalb sind auch bei der Gentechnik Sicherheitsvorschriften vonnöten. Doch die oft beschworenen Gefahren der Genmanipulation hält Eigen für maßlos übertrieben. Wären sie so groß, wie allenthalben befürchtet, dann hätte die Natur, die unaufhörlich ohne Vorsichtsmaßnahmen am unglaublich variantenreichen Erbgut herumexperimentiert, längst alles Leben ausgelöscht.