Edmund Stoiber will die Gesellschaft nicht nur davor bewahren, daß sie sich durchmischt und durchrasst. Er schwingt sich nun auch noch zum Hüter der reinen christlichen Lehre auf, der die Gesellschaft "für viel zuwenig durchkircht" hält. Vielen Dank übrigens, Streiflicht (in der Süddeutschen Zeitung), für diese Formulierung!

Allem Anschein nach wollte Stoiber im Münchner Merkur den ersten Stein werfen gegen Martin Scorseses heiß umstrittenen Film "Die letzte Versuchung Christi", der Jesus als Menschen zeigen will – oder, in Stoibers Worten, "die Person des Erlösers in skandalöser Weise mit sexuellen Phantasien in Verbindung bringt". Wenn man diese Erregung des Edmund Stoiber genauer betrachtet, wie er die Toleranz gegenüber "der heiligen Überzeugung von Mitmenschen" einfordert, wie er "die christliche Prägung unseres Landes" beschwört und wie er "die menschenwürdige Ordnung unseres Zusammenlebens" für gefährdet erklärt, dann beschleicht einen schon das Gefühl, Stoiber habe den Film überhaupt nicht gesehen.

Das ist eine Vermutung, die sich leicht dementieren läßt. Bitte sehr! Aber es ist mehr als eine Vermutung wenn man aus dem Text herausliest, daß Stoiber nur einen Anlaß gesucht hat, um über seine Lieblingsthemen zu reden. Über Politik, Kultur und Medien und darüber, wie dort die Sitten verfallen. Nun könnte man sagen: Was scheren uns die Münchner Reihen? Aber da zugleich davon die Rede ist, der Staat dürfe sich "nicht selbst aus seiner Verantwortung entlassen", warten wir in Bonn nun täglich darauf, wie Stoibers Parteifreund im Bundesinnenministerium reagiert. Friedrich Zimmermann ist erstens, wie man weiß, ein großer Filmkenner. Und zweitens muß auch er zeigen, wer der beste Schüler des verstorbenen FJS ist.

Ekelerregend und skandalös findet das Helmut Kohl. Wer so denkt, sei ziemlich verkommen. Nein, das bezieht sich natürlich nicht auf Stoibers Beitrag zum 9. November und die Art, die "kulturelle Identität" der Mehrheit gegen eine Minderheit zu verteidigen. Kohl bezieht sich auf Oskar Lafontaines Wort von Deutschtümelei.

Was immer die Beweggründe für Helmut Kohl gewesen sein mögen, der Einladung aus Frankfurt zu folgen und aus Anlaß des 9. November in der Westend-Synagoge zu sprechen: Er weiß natürlich, welches Echo er vor drei Jahren mit dem Besuch auf dem Friedhof in Bitburg ausgelöst hat und wie viele Fragezeichen hinter seiner Art des Umgangs mit Geschichte gesetzt werden. Schon deshalb sind die Ansprachen zur zentralen Gedenkveranstaltung anläßlich des 50. Jahrestages der Pogromnacht und zur Eröffnung des Jüdischen Museums in Frankfurt sehr sorgfältig vorbereitet worden im Kanzleramt.

Von einer "Kultur der Erinnerung" ist also jetzt die Rede, jetzt, 1988. Ein großes Wort, das sehr viel verspricht. Dieses Bewußtsein für die unentrinnbare Gegenwart des Vergangenen zähle zum großen Erbe jüdischer Geschichte, wovon wir "immer noch – und nie genug – lernen könnten". Spätestens mit dem 9. November 1938 habe "wirklich jedem" bewußt werden müssen, daß der Antisemitismus zum Kern der nationalsozialistischen Ideologie gehöre.

Durch die Gemeinheit von Ewiggestrigen und manchmal auch durch die Gedankenlosigkeit von Wohlmeinenden könne das Vertrauen der jüdischen Mitbürger noch immer leicht erschüttert werden. So Kohl. Er versucht etwas wiedergutzumachen, man spürt es. Er vermeidet jedes falsche Wort, er spricht allerdings auch sehr abstrakt – und er schweigt zu großen Streitfragen, sei es zum Historikerstreit, sei es zum Börneplatz in Frankfurt.