Von Benjamin Henrichs

Endlich ist es soweit: Das Burgtheater brennt. Helle Flammen lodern aus seinem Dach, und niemand ist zu sehen, der retten könnte – kein Zuschauer, kein Theatermensch, kein Feuerwehrmann. Gleich muß das ehrwürdige Gemäuer zusammenstürzen. Nie wieder Burgtheater.

Das ist nicht die Wirklichkeit. Das ist auch keine apokalyptische Schlußszene von Thomas Bernhard. Das Burgtheater brannte am 4. November, am Tag der "Heldenplatz"-Premiere, auf einer Photomontage der Neuen Kronen Zeitung. "Uns ist nichts zu heiß", behauptete stolz das Blatt – und hatte seine Behauptung mit dem Feuerzauberbild auch gleich wahrgemacht. Fehlte eigentlich nur noch der Brandstifter, der Manns genug war, die schöne Idee der Neuen Kronen Zeitung in die Tat umzusetzen.

Mit dem gruseligen Photoscherz hatte der grotesk-erregte Wiener Kulturkampf um eine Theaterpremiere aber nun endgültig seinen Schluß- und Tiefpunkt erreicht. Das Theater mußte beginnen – und mit ihm die lauthals angekündigten Protestaktionen vor der Burg und in der Burg. Wenn es um ihr Theater geht, das weiß man, ist nichts den Wienern zu heiß.

Aber manchmal ist es ihnen einfach zu kalt. Wer also an diesem sternenklaren, frostigen Novemberabend eine Stunde vor Premierenbeginn erwartungsfroh das Burgtheater aufsuchte, erlebte vor dem Theater eine grandios absurde Szene: Überall standen frierend Kameraleute, in Erwartung der Theaterschlacht, doch richtige Kämpfer waren nicht zu sehen. So wurden Statisten schnell zu Hauptdarstellern: der adrette Herr von der Nationalkonservativen Aktion mit seinen einfältigen Flugblättern, die nette alte Dame mit der schwarzen Trauerfahne und ihrem mahnenden Transparent: "Wahre Kunst bringt Liebe. Sie besiegt den Haß."

Aber wo war er denn geblieben, der Haß? Auch von dem in allen Zeitungen groß angekündigten Misthaufen, der vor dem Burgtheater abgeladen werden sollte (Thomas Bernhard: "Dieser kleine Staat ist ein großer Misthaufen"), war einstweilen nichts zu sehen, nichts zu riechen.

Die Theaterkritiker waren viel früher gekommen, als es ihre Gewohnheit ist – und spähten nun vergeblich nach Pointen. Dann doch ein kleines Schauspiel: Claus Peymann (mit Mantel und Ledermappe) nahm ein Bad in der sehr überschaubaren Menge, die Fernsehscheinwerfer flammten auf, ein uriger Sprechchor begann (der Text sehr witzig: "Peymann raus!"), und der Herr Burgtheaterdirektor ergriff gemessenen Schrittes die Flucht. Hinter ihm her, als sei Peymann nun endgültig ein Popstar, die mit ihren schweren Kameras kurios hüpfenden Fernsehmenschen – und auch die Dame mit der Liebe.