Von Hanns-Bruno Kammertöns

Der erste Eindruck täuschte nicht. Fragen schienen bei ihm gut aufgehoben, Uri Raz wußte eigentlich immer eine Erklärung. Seit fast 25 Jahren führt er Touristengruppen durch das Heilige Land. Wir trafen ihn in Jerusalem. Er hatte ein markantes, sonnengebräuntes Gesicht mit einem Bart, der schon etwas grau geworden war. Uri Raz benutzte einen Stock, das Gehen fiel ihm offenbar schwer. Natürlich dachte ich an seinen Beruf, doch weil ich ihn noch nicht gut kannte, sagte ich nichts. Wie oft er in der Vergangenheit nach Nazareth oder Betlehem gefahren war, wie viele Male er auf die Massada-Festung in der Wüste gestiegen war, er konnte sich beim besten Willen nicht mehr erinnern. Aber diese Orte schienen ihm immer noch etwas Besonderes zu sein. Oberhaupt gehörte Uri Raz nicht zu jenen Reiseführern, die sich einschmeicheln und für jede Kirche und für jeden Stein einen griffigen Scherz bereithalten. "Kommt, folgt mir nach", pflegte er unterwegs oft zu sagen, damit es weiterging. Dann nahm er seinen Stock, drückte ihn fest in den biblischen Boden und ging voraus. Man kann es nicht anders sagen, eigentlich war dies jedesmal ein ziemlich erhabener Moment.

Wir blieben zwei Tage in Jerusalem. Dank der Hilfe von Uri Raz haben wir wohl alles richtig gemacht. Zunächst standen wir auf dem Ölberg und blickten über das Kidrontal hinweg auf die Stadt mit der goldfarbenen Kuppel des Felsendoms. Dann kamen wir langsam näher. Klagemauer, El Aqsa-Moschee, Via Dolorosa und am Ende die Grabeskirche.

Dort, wo Jesus unter der Last des Kreuzes zu Boden sank, stehen nun die Händler. Lärmend preisen sie ihre Dia-Filme, Fruchstsäfte und Dornen-Kronen-Imitate. Drosselgassen-Atmosphäre. Ist es eine tiefsitzende, offenbar durch nichts zu erschütternde Religiosität, sind es die Kosten und Mühen der Anreise, die verhindern, daß Pilger und Touristen den Ort auf der Stelle fluchtartig verlassen?

Wenige hundert Meter weiter sieht man sich wieder. Auf dem kleinen, gepflasterten Platz vor dem Portal der Grabeskirche zeigen viele Gesichter so etwas wie wohlwollende Neugier. Man ist am Ziel, hier also war es. Selbst eher weltich anmutende Naturen zeigen sich ergriffen und nähern sich erfurchtsvoll dem Ort der Anbetung.

Wenn sie das Gotteshaus wieder verlassen, dann wirken viele von ihnen auf eine seltsame Weise entspannt. Vielleicht liegt es ja daran, daß hier – für den Augenblick wenigstens – mehrere Weltregionen friedlich unter einem Kirchendach zusammenfinden. Aber dies ist beileibe nicht das einzige und schon gar nicht das jüngste Paradox, dem der Urlauber bei seinem Aufenthalt in Israel begegnet.

Gut elf Monate ist es her, daß im besetzten Westjordanland und im Gaza-Streifen der Volksaufstand der Palästinenser begann. Mehrere hundert Tote, mehrere tausend Verletzte, so lautet die vorläufige Bilanz der "Intifada". Und dennoch – auch wenn die Welt gegenwärtig wieder einmal schlecht vom Land der Bibel denkt, hören die Tourismus-Verantwortlichen nicht auf, für Israel als Schauplatz sorgenfreier Badeferien oder ergiebiger Studienreisen zu werben. Viele Nachrichten seien ganz einfach falsch oder zumindest aufgebauscht. Daß der junge Staat im Laufe der Zeit im Ausland womöglich eine Menge Sympathie verlor, wird nur äußerst selten ins Kalkül gezogen.