Von Horst Albrecht

Wenn wir uns mitten im Leben meinen, wagt er zu weinen, mitten in uns", schrieb Rilke vor mehr als einem halben Jahrhundert über den Tod. Genauer, über die Beziehung der Menschen zum Tod. Heute hätte der Tod Anlaß, über das erkaltete, versachlichte Verhältnis zu weinen, das die Menschen zu ihm unterhalten. Die Trauerfeiern werden weniger, die Anzahl der anonymen Bestattungen steigt, immer weniger Menschen werden auf ihrem letzten Weg noch von einem Pastor begleitet.

Zwar spricht das neueste "Handbuch der praktischen Theologie" noch vom "kirchlichen Ritenmonopol" bei Beerdigungen, doch in Hamburg, zum Beispiel, wird nur noch für gut die Hälfte der Verstorbenen um einen Pastor gebeten. Bei einem Drittel tut es auch ein Redner, für rund sieben Prozent der Toten findet überhaupt keine Trauerfeier mehr statt. Die Bestatter sprechen dann vom "einfachen Abtrag".

Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges hat es auf deutschen Friedhöfen drastische Veränderungen gegeben. Fast jeder Fünfte (17,8 Prozent) der im vergangenen Jahr in Hamburg Beigesetzten hat keinen eigenen Grabstein mehr. In anderen Großstädten ist die Entwicklung ähnlich. Schon vor Jahren beklagte die "Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal", daß immer mehr Urnen in einem einzigen Gemeinschaftsgrab beigesetzt würden. Anlaß zur Klage haben auch Friedhofsgärtner und Steinmetze. Unter den anonymen Bestattungen leidet ihr Geschäft.

Die Kirchen befürchten einen weiteren Rückgang der Trauergottesdienste, wenn die Bundesregierung im Zuge ihrer Gesundheitsreform die Absicht durchsetzt, von 1990 an kein Sterbegeld mehr zu gewähren. Bislang beträgt das durchschnittliche Sterbegeld rund 2000 Mark. Eine Erdbestattung in anspruchsloser Ausstattung ist in Hamburg beispielsweise jedoch nicht mehr unter 5000 Mark zu haben, wobei der Staat mit Gebührenforderungen von 3500 Mark am kräftigsten zulangt. Eine Bestattung, so erklärte der Sprecher der Berliner Evangelischen Kirche, dürfe nicht zu einem "rein seuchenhygienischen Entsorgungsvorgang denaturiert werden". Wie aber ist es zu diesem schroffen Traditionsabbruch überhaupt gekommen?

Erst dank der bürgerlichen Aufklärung wurden einst der einzelne und sein Leben gesellschaftlich überhaupt wichtig. Und mit der Aufmerksamkeit, die man dem Individuum zuwandte, entwickelte sich in breiten Bevölkerungsschichten auch der Sinn für individuelle Grabgestaltung. Die Kunst der damaligen Zeit, der Barock, war erfüllt von der Faszination durch den Tod.

"Wir Armen, ach, wie ists so bald mit uns geschehen! Wie plötzlich gehn wir fort! Oft, eh wir uns besinnen, Ruft uns der schnelle Tod: Kommt, Menschen, kommt von hinnen! Kann jemand, was ihm dräut, was itzt gleich anbricht, sehn?" dichtete Andreas Gryphius vor 350 Jahren im schlesischen Glogau. Da hatte in Europa eine Todesfaszination begonnen, die sich noch in der großbürgerlichen Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts ihre düsteren Denkmäler setzte. In Rainer Maria Rilkes "Stundenbuch" wird das Fazit gezogen: "Denn wir sind nur die Schale und das Blatt. Der große Tod, den jeder in sich hat, das ist die Furcht, um die sich alles dreht."