Von Robert Leicht

Im kommenden Jahr wollen die beiden deutschen Staaten den 40. Jahrestag ihrer Gründung begehen – getrennt, wie sich versteht. Doch bevor wir Westdeutschen unsere freiheitlichen und demokratischen, unsere Landsleute jenseits der Elbe ihre real existierenden sozialistischen Errungenschaften zu preisen anfangen, nötigt der 50. Jahrestag der "Reichskristallnacht" alle Deutschen, sich gemeinsam der Schande zu erinnern, die unser Volk in der nationalsozialistischen Terrorherrschaft auf sich geladen hat. So weit wir vorauszuschauen vermögen, kann es in Deutschland kein Jubiläum mehr geben ohne das Gedenken. Wohl wahr, die Geschichts-Revisionisten lehren uns das alle Tage: Die deutsche Geschichte hat nicht nur zwischen 1933 und 1945 existiert. Aber gerade deshalb stellt sich um so schärfer die Frage: Wie konnte es dann zu diesen zwölf schrecklichen Jahren kommen, die aus unserer Historie nicht wegzudenken sind?

In der Pogromnacht des 9. November 1938 wurden 91 Juden ermordet, über 20 000 Juden verschleppt, brannten Hunderte von Synagogen ab, wurden Tausende von jüdischen Geschäften und Wohnungen demoliert. Doch hatte sich in Wahrheit schon seit 1933 der "schleichende Pogrom" (Rita Thalmann) vollzogen.

  • Bereits zum 1. April 1933 befahlen die Nazis den Boykott aller jüdischen Geschäfte.
  • Am 7. April 1933 folgte das "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums". Sein "Arierparagraph" verlangte die Entlassung aller Beamten nicht-arischer Abstammung.
  • Im September 1935 wurden die "Nürnberger Gesetze" verkündet, das "Reichsbürgergesetz", das die Juden zu Staatsbürgern zweiter Klasse entwürdigte, ferner das "Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehe".

"Deutschland erwache!" In jener Novembernacht vor 50 Jahren gellte dieser Ruf durch die Straßen. Doch weshalb waren die Deutschen nicht viel früher aufgewacht? Wir gedenken der Opfer dieses Pogroms. Aber wir können nicht so tun, als sei erst damals das Wesen der nationalsozialistischen Herrschaft offenbar geworden. Der "historische Wendepunkt", wie die Reichsvertretung der Juden damals die Nacht der Zerstörung nannte, brachte nur insofern etwas Neues, als er das Ende der Scheingesetzlichkeit markierte; das Unrecht aber begann viel früher.

Bis dahin hatte der nationalsozialistische Staat es für opportun gehalten, der Diskriminierung die Maske der Legalität aufzusetzen. Selbst noch im Frühjahr 1938 bediente er sich des juristischen Instrumentariums: Den jüdischen Gemeinden wurde der Status der öffentlich-rechtlichen Körperschaft entzogen, jüdische Familien mußten alles Vermögen über 5000 Mark anmelden, ihre Betriebe wurden registriert.

Erst im Herbst 1938 – zumal nach den beiden außenpolitischen "Erfolgen" Hitlers, dem Anschluß Österreichs und dem Münchener Abkommen, ließ das Regime alle Rücksichten, den letzten Schleier des zivilisierten Staates fallen. Joseph Goebbels notierte in seinem Tagebuch: "Ich putsche richtig auf gegen jede Sentimentalität. Nicht Gesetz ist die Parole, sondern Schikane."