Von Ralf Schiebler

Tote Sprachen sind wie das Tote Meer. Man taucht nicht so leicht in sie ein, und kaum jemand bewegt sich darin wie ein Fisch im Wasser. Das Tote hat die in seltenen Fällen auch vorteilhafte Eigenschaft, als Abgeschlossenes vor uns zu liegen. Daß das Altgriechische ein überschaubares Repertoire an Geschriebenem darstellt, war seit je denen, die es lernen – einer ebenfalls überschaubaren Zahl – eine Quelle der Freude. Das melancholische Bedauern des Lehrers, von Sophokles sei leider das meiste verloren, quittiert der Schüler mit amüsierter Erleichterung. Der Grund, daß er es trotzdem lernt, liegt in der Aussicht auf eine Lust, die noch größer zu sein verspricht als jene Schadenfreude Kann er durch die tote Sprache doch Sappho und Platon verstehen, als stünden sie lebendig vor ihm.

2500 Jahre, durch eine Zeitmaschine in Nichts aufgelöst. Ein Wunder. Von der griechischen Malerei blieb nichts außer ihrem rotschwarzen Abglanz auf Vasen in Scherben. Die Tempelruinen bröckeln, Skulpturen werden von Luft zerfressen. Nur das Wort steht. "Exegi monumentum aere perennius" – ein Denkmal schuf ich, dauerhafter als Erz.

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Doch ach, Horaz, du hattest nur mehr Glück, daß deine Werke, darunter diese stolze Zeile, gut durchkamen, als Sophokles oder Heraklit, Demokrit..., die es, wenn Nachruhm ein Lohn ist und unter anderem von der Menge des Erhaltenen abhängt, sicher nicht weniger verdient hätten. Vor die Ewigkeit haben die Götter die Uberlieferung gesetzt. Und auf die Restituierung des Überlieferten setzten sie die Klassischen Philologen an, die, gerüstet mit den Hilfswissenschaften der Paläographie, Kodikologie, Papierkunde..., die Bibliotheken Europas durchforstend, im Schweiße ihres Angesichts die alten Handschriften, oft Mikrogramme, entziffern, emendieren, konjizieren, rekonstruieren.

Die Vorzüge der griechischen Sprache ergeben sich aus ihrem Tod, daraus, daß sie vollständig seziert und inventarisiert ist. Das hermeneutische Paradox, daß es möglich ist, die Bedeutung uralter Zeichenleichen wiederauferstehen zu lassen, konnte dank dialektischem Kunstgriff, der zwischen Teilen und Ganzem vermittelt, gelöst werden. Warum soll das Prinzipielle und Universelle heute verabschiedet werden, wo die meisten Spezialisten auf den Gebieten, die nicht mit ihrer Ausbildung zu tun haben, schnell unter elementare Standards zurückfallen und zum Beispiel das Ideal der Einheit von Körper und Geist durch die Frankenstein-Synthese des body-gebildeten Computerhackers ersetzt ist? Auch das Schachspiel könnte nach über 1000 Jahren zu Ende gehen, wenn eine Parallelschaltung von Elektronenhirnen definitiv erkannt haben wird: Weiß gewinnt, Schwarz oder keiner. Im Unterschied dazu wird Altgriechisch von ein paar logophilen Voodoopriestern auch in Zukunft immer wiederbelebt werden. Mag es auch aus nur vierundzwanzig Alphabetsymbolen zusammengesetzt und durch die Uberlieferung stark gestutzt sein, so wird es doch durch seinen nicht allein sportlichen, sondern künstlerisch-philosophischen Charakter zum unendlichen Spiel. So wenig Klaviermusik infolge Begrenzung auf Tasten, Finger und Aufführungszeit endlich ist, so sehr ist es das Schachspiel durch die Zahl der Felder und Figuren.

Um den zu erwartenden Text herauszufinden, bedurfte es eines "Thesaurus". Das ist ein griechisch-deutsches Lexikon, das nicht nur die Bedeutungen der Wörter angibt, sondern auch sämtliche Stellen des Schrifttums, an denen sie bei den antiken Autoren vorkommen.