Von Rolf Zundel

St. Augustini Bonn, im November

Die geographische und kulturelle Distanz, die sie überwinden mußten, war gewaltig, und doch trafen sie sich: Chinesen, in der Mehrzahl vom kommunistischen Festland, und Christdemokraten von der Adenauer-Stiftung in St. Augustin. Aber sie hatten ein Thema, das beide bewegte: der unvermeidliche Prozeß der Modernisierung mit seinen Verheißungen und, mehr noch, mit seinen Gefahren. Auch in Ostasien, wo vor 20 Jahren "Entfremdung" noch ein unverstandener Begriff war, wird nicht nur nach dem Antrieb, sondern auch nach den Grenzen der Modernisierung gefragt. Und bei beiden Fragen ist immer deutlicher der Konfuzianismus ins Blickfeld geraten. So also kam Konfuzius nach St. Augustin.

Die Adenauer-Stiftung pflegt seit Jahren vielfältige Kontakte mit China. Es gibt Besuche, Gegenbesuche und ein umfangreiches Stipendiatenprogramm. Seit 1984 in der Volksrepublik die Konfuzius-Stiftung gegründet wurde, haben sich die Beziehungen intensiviert. Der Gedanke eines gemeinsamen Symposions entstand. Wissenschaftler aus Ost und West, aus Rotchina, Taiwan, Singapur, aus den Vereinigten Staaten und aus der Bundesrepublik trafen sich und diskutierten über "Konfuzianismus und die Modernisierung Chinas".

Ein schwieriges Thema. Denn die Begriffe sind keineswegs eindeutig, sie gleichen eher Schiffen, die auf der Fahrt in neue Gewässer umgebaut werden. Die Urteile der Passagiere verändern sich ständig. Es ist noch keine 30 Jahre her, da war es ziemlich unumstritten, daß der Konfuzianismus fortschrittsfeindlich sei. Heute gilt er weithin, vor allem angesichts des wirtschaftlichen Aufstiegs Japans und der "vier Drachen" (Taiwan, Singapur, Hongkong, Südkorea), als treibende Kraft der Entwicklung.

Modernisierung – in groben westlichen Schlagworten – heißt: wirtschaftlich-wissenschaftlicher Fortschritt, demokratischer Pluralismus und Individualismus. Was den Fortschritt in Wirtschaft und Wissenschaft angeht, so erscheint hier der Konfuzianismus auf den ersten Blick besonders offen. Die traditionelle Lernbereitschaft, die den Zweifel, was wahr und richtig sei, so wenig kennt wie die herkömmliche Naturwissenschaft im Westen, bildet eine hervorragende Voraussetzung für rabiaten Modernismus. Privater Wohlstand ist im Konfuzianismus ein durchaus erwünschtes Ergebnis guter Herrschaft. Hier gibt es also Übereinstimmung. Allerdings sind auch die Hemmnisse nicht zu übersehen. Die extreme Gemeinschaftsbezogenheit, in der Eigeninteresse eigentlich als unanständig gilt, die Betonung der familiären, persönlichen Beziehungen, das hierarchische Denken, das im Herrscher kulminiert und sich im Bürokratismus ausdrückt, die Weigerung, Güter und Leistung unterschiedslos als Ware zu betrachten – all das verträgt sich nur teilweise oder gar nicht mit dem voll entwickelten Kapitalismus.

Merkwürdigerweise scheint diese hemmende Tradition in der Volksrepublik, auch wenn sie dort sozialistische Kleider trägt, stärker zu wirken als in den offen konfuzianischen Ländern. Vielleicht ist gerade deshalb dort die Modernisierung besonders schwierig. Die Erfolgsaussichten werden verschieden eingeschätzt. Da gibt es die optimistische Erwartung, wenn die Politiker nur wollten und die entsprechenden Rahmenbedingungen herbeiführten, werde sich auch die Marktwirtschaft entwickeln. Und es gibt die pessimistische Ansicht, der Kapitalismus passe nicht ins Wertesystem; der Staat schaffe zwar Teilmärkte, aber die Marktwirtschaft als gesellschaftliche Ordnung sei unerwünscht – aus Angst vor dem Chaos, dem großen Schreckgespenst chinesischen Ordnungsdenkens. Die Skepsis jedenfalls überwiegt.