Von Joachim Nawrocki

Auf Erich Honecker paßt genauso gut, was Wolf Biermann einst über Walter Ulbricht schrieb: "Also schreitet dieser voran im Kreise/ und sieht auch vor sich nichts, als abertausendmal eigene Spur im Lehm/ Jahr für Jahr wähnt er also, der Einsame/ den Weg zu gehen der Massen. Und er läuft doch/ sich selbst nur nach.../ Seht Genossen, diesen Weltveränderen Die Welt/ Er hat sie verändert, nicht aber sich selbst..."

Ulbrichts Nachfolger, SED-Generalsekretär Erich Honecker, hat zwar nicht die Welt verändert, aber doch die DDR, und möglicherweise sogar sich selbst. Doch nun wird es immer einsamer um den Einsamen. Neue Gesichter möchte er nicht mehr um sich haben. Der kürzlich – im Alter von erst 60 Jahren – verstorbene Sekretär für Landwirtschaft im SED-Zentralkomitee, Werner Felfe, wird voraussichtlich durch einen anderen Honecker-Vertrauten ersetzt. Werner Krolikowski, ebenfalls 60, wurde von seiner Aufgabe als Stellvertreter des Regierungschefs Willi Stoph entbunden, um eine neue Funktion in der Partei zu übernehmen. Wenn in etwa zwei Wochen das SED-Zentralkomitee zusammentritt, wird sich herausstellen, welche. Außer dem verwaisten Posten von Felfe kommt noch die Nachfolge für den kranken, in jüngster Zeit aber wieder rüstiger wirkenden Wirtschaftsfachmann Günter Mittag in Frage.

Auf Krolikowskis Posten rückt der 57jährige Günther Kleiber nach, ein Elektronik-Fachmann und Mitglied des Politbüros. Kleibers Amt als Vertreter der DDR im "Rat für Gegenseitige Wirtschaftshilfe" übernimmt der frühere Außenhandelsminister Horst Sölle, 64 Jahre alt. Alles bekannte Namen, alles vertraute Gesichter, und nicht einer ist darunter, von dem Ungewöhnliches zu erwarten wäre.

Da ist es schon eine kleine Sensation, daß eine Frau, die 57jährige Christa Zellmer, in der SED-Bezirksleitung Frankfurt zum Ersten Sekretär aufrückte, doch auch sie gilt als stramme Ideologin. Das SED-Organ Einheit hatte kürzlich dafür plädiert, "Frauen verstärkt in verantwortlichen Positionen einzusetzen", weil dies nicht zuletzt auch "die internationale Ausstrahlungskraft des Sozialismüs" erhöhe. Neue Männer braucht das Land anscheinend nicht.

So dreht sich alles weiter im Kreis, und es ist kaum anzunehmen, daß die bevorstehende Tagung des Zentralkomitees weitreichende personelle Beschlüsse faßt. Die SED-Führung setzt unverdrossen auf personelle und damit auch auf politische und ideologische Kontinuität. Glasnost und Perestrojka sind für sie etwas, was weit hinten in Rußland passiert und die DDR nichts angeht. Nie war Ost-Berlin weiter entfernt von Moskau als heute.

Auch eine deutliche Belehrung, die der sowjetische Generalsekretär Gorbatschow dem SED-Ideologen Kurt Hager erteilte, hat diesen nicht beeindruckt. In einem stem-Interview antwortete Hager vor anderthalb Jahren auf die Frage nach Reformen in der DDR: "Würden Sie, wenn Ihr Nachbar seine Wohnung neu tapeziert, sich verpflichtet fühlen, Ihre Wohnung ebenfalls neu zu tapezieren?" Der Nachbar hat jetzt im Spiegel geantwortet: "Es handelt sich um einen vielgestaltigen, widerspruchsvollen, tiefgreifenden Prozeß, nicht um Kosmetik, nicht um Maler- und Tapezierarbeiten, sondern um eine gründliche Rekonstruktion des Hauses, in dem wir leben." Darauf Hager dieser Tage bei einem Schulräteseminar in Ludwigsfelde: "Die in der Sowjetunion vor sich gehende Umgestaltung ergab sich aus inneren Entwicklungsbedingungen, ihre Formen und Methoden entsprechen den Zielen, die sich die KPdSU stellt; sie sind nicht auf andere sozialistische Länder übertragbar."