Christian Grawe: Jane Austen

Sie könne sich "rühmen, die ungebildetste und unwissendste Frau zu sein, die es je gewagt hat, Schriftstellerin zu werden" – so schrieb die 1817 im Alter von 41 Jahren verstorbene Engländerin Jane Austen in einem Brief an James Clarke, den Bibliothekar des Prinzregenten, um diesem einzureden, sie sei außerstande, die von ihm gewünschte Art von Romanen zu verfassen. Als sie diesen Vorwand an den Mann brachte, hatte sie keine zwei Jahre mehr zu leben; erst wenige wußten damals, daß sie es war, welche die Weltliteratur um so grandiose Werke wie "Pride and Prejudice" oder "Mansfield Park" bereichert hatte (ihre Romane waren anonym veröffentlicht worden). Mit Recht bemerkt Christian Grawe in der Einleitung zu seinem verdienstvollen Jane-Austen-Büchlein mit einer Auswahl von Briefen, Dokumenten und nachgelassenen Werken (Reclam Verlag, Stuttgart 1988; 395 S., Abb., 13,– DM), die Schriftstellerin sei in der englischsprachigen Welt "mehr als eine Klassikerin", nämlich eine "Kultfigur". Warum dies so ist, davon läßt sich aus Grawes mit Kennerschaft, Sorgfalt und großer Liebe zum Detail zusammengestelltem Kompendium ein lebendiger Eindruck gewinnen. Leider ist Jane Austen im deutschen Sprachraum, obwohl ihre Werke in guten Übersetzungen vorliegen, oft nur fachlich vorgebildeten Literaturfreunden ein Begriff. Grawes schönes Büchlein könnte und sollte mit dazu beitragen, daß dies anders wird. Wolfgang Steuhl

Thomas Hardy: Im Dunkeln

Jude the Obscure", so der englische Originaltitel des Romans von 1895, ist die Lebensgeschichte eines ländlich-proletarischen Autodidakten, der sich über Klassenschranken und viktorianische Prüderie hinwegsetzen will. Mit kaum dreißig Jahren stirbt er im Schatten der Universität, die er nie besuchen durfte. Die gelehrten Bücher stets in der Rocktasche, hat er sich und seine Familie mit niederen Steinmetzarbeiten durchgebracht, immer in der Hoffnung auf ein anderes, besseres Leben. Auf der Hälfte dieses mühsamen Weges kommt ihm endgültig zum Bewußtsein, daß es für solche wie ihn nichts zu hoffen gibt... Es ist ein Aufklärungsroman, mitunter hart an der Grenze zur Rührseligkeit. Die Gesellschaftskritik steht nicht nur deutlich zwischen den Zeilen, sie wird in den von vornehmer Wehmut umflorten Dialogen auch immer wieder ausgesprochen. Dennoch: Gerade, was in diesem Buch an Konventionellem, an Zeitgeist enthalten ist, macht es heute reizvoll. Die seelische Verfeinerung, die ans Neurotische grenzende Selbstaufopferung, die das unkonventionelle, das allseits beargwöhnte Liebespaar füreinander aufbringen, diese ausführlichen hochsensiblen Dialoge machen den Roman (aus dem Englischen von Eva Schumann; Greno, Nördlingen 1988; 502 S.; 38,– DM) heute lesenswert. Martin Ahrends