Wer auf deutschen Autobahnen nicht mindestens 170 Sachen drauf hat, der kann sich auf der linken Spur kaum noch behaupten, ohne wegen der fehlenden Kilowatt in Schwermut zu fallen.

Von allen Helden unserer Zeit hat zweifellos der korrekte Autofahrer, jener Straßenritter, der sich an jedes Tempo-Limit hält, den schlechtesten Ruf Weg mit ihm von der linken Spur! Mit seinen 140 km/h wirkt er ja wie ein blockierender Müßiggänger, wenn einer mit Tempo 200 von hinten heranrauscht. Es ist ein ständig sich wiederholendes Ritual: Lichthupe als Drohgebärde, Drängeln als Kraftakt.

Man mag darüber noch so laut lamentieren: Der schnelle Autofahrer gilt hierzulande immer noch als der gute Fahrer. Und solange es auf deutschen Autobahnen möglich ist, mit 200 km/h (und mehr) Jagd auf die Langsameren zu machen, weil es keine grundsätzliche Geschwindigkeitsbegrenzung gibt, solange haben die "Drängier" die Auto-Industrie und ihre Werbeträger kompakt hinter sich.

Wer auf den illustrierten Seiten nach dem teuersten Schlitten mit der höchsten PS-Zahl sucht, der muß nicht lange suchen. Das Beste vom Besten findet sich immer ganz vorn. Man muß annehmen, daß jeder zweite Bundesbürger mindestens 40 000 Mark in der Tasche hat, um sich das Neueste aus dem Auto-Salon sofort leisten zu können.

Irgendwelche Bremswirkung ist im Zusammenspiel zwischen Auto-Industrie und Medien-Werbung nicht erkennbar. Je schneller, desto bessser. Und die Vermutung ist sicher nicht unbegründet, daß einer, der sich ein Auto mit 200 PS leistet, an Geschwindigkeitsbegrenzungen auf Autobahnen und Stadtstraßen relativ wenig interessiert ist.

In Neuss fand ein Symposium über Fragen der Verkehrsberuhigung in Wohngebieten statt. Dort wurde die Forderung erhoben: Tempo 30 als Geschwindigkeitslimit für alle Straßen, die durch reine Wohngegenden führen, Tempo 50 nur noch auf den Hauptverkehrsstraßen in den Städten. Der Ruf nach stärkeren Polizeikontrollen in den 30-km-Zonen der Städte fand einhellige Zustimmung: Drohung mit Strafe als Erziehung zur Vernunft.

Wir Autofahrer haben es offensichtlich nicht besser verdient. Auf noch so fein formulierte Appelle reagieren wir wie taub. In Neuss hieß es: "Autofahrer müssen umdenken. Der Fahrstil in den Wohngebieten kann nicht mehr die aggressive, zuweilen sportlich genannte Fahrweise von heute sein. Autofahrer müssen sich an einen ruhigen, niedrigtourigen Fahrstil gewöhnen, der es erfordert, bei 30 Stundenkilometern im dritten Gang zu fahren." So vernünftig diese Forderung ist, sie hat keinen guten Klang für einen, der nur auf das Summen und Brummen seines Motors hört.