Von Ernst Weisenfeld

Auf knappem Raum liegt eine Analyse der Kriegsziele vor, die Stalin in Europa verfolgte und für die er nach der Krimkonferenz vom Februar 1945 den wichtigsten Schlüssel in der Hand hielt: freie Hand in Polen. Das hatten ihm Roosevelt und Churchill nicht etwa in Jalta zugestanden. Im Gegenteil, sie hatten um Kompromisse gerungen, die zu einem pluralistischen Regime in Polen führen sollten. Aber sie mußten bald sehen, daß Stalin ihnen nur eine pluralistische Fassade gab, und auch sie nicht lange;

Polen war das Kernstück der politischen Strategie Stalins, "nicht weil er ein Glacis für die Verteidigung der Sowjetunion suchte", wie man im allgemeinen annimmt, "sondern weil er einen sicheren Korridor für den direkten Zugang nach Deutschland haben wollte". Das ist die These von Jean Laloy, in dem der Quai d’Orsay jahrelang seinen erfahrensten Ostexperten sah, "der alles über das Thema gelesen hat und die meisten handelnden Personen der Tragödie persönlich kannte". So André Fontaine, der Direktor von Le Monde, als er Laioys Buch seinen Lesern vostellte.

Der Autor spricht Russisch, Englisch, Deutsch; er dolmetschte 1944 zwischen de Gaulle und Stalin. Die großen Themen seiner diplomatischen Laufbahn, die ihn relativ schnell zum Europa-Direktor und zum Politischen Direktor beförderte, waren immer die Ost-West-Beziehungen und die europäischen politischen Kräfte. Sie ließen ihn auch nicht los, als General de Gaulle ihn als lästigen Warner aus dem operativen Management der französischen Außenpolitik entfernen und zum Direktor der Archive machen ließ.

"Jalta ohne Legende" – das ist auch ein Stück seiner inneren Auseinandersetzung mit der gaullistischen Außenpolitik, für die Jalta der legendäre Ort war, an dem die Kriegsalliierten "Europa unter sich aufteilten". Hätte man General de Gaulle nicht 1945 vom Konferenztisch ferngehalten, dann wären die europäischen Interessen besser gewahrt worden; das ist die Uberzeugung der meisten Franzosen.

Wie aber hätte er bei Stalin mehr erreicht, so fragt Laloy, als die Angelsachsen immerhin auf dem Papier für Polen erreichten? Hatte er noch als erster, gewiß widerstrebend, das "Komitee von Lublin", die spätere kommunistische Regierungsmannschaft, wenigstens informell, durch einen ständigen Verbindungsmann, anerkannt? Hatte er nicht im Dezember 1944 in Moskau einen automatischen Beistandspakt unterschrieben, der ausdrücklich auch für einen Präventivangriff auf Nachkriegsdeutschland gelten sollte?

"Welch ein Instrument in Stalins Händen, sobald die USA ihre Truppen aus Europa abgezogen hatten, womit der Kreml nach den Erklärungen Roosevelts ja rechnen konnte?", so fragt Laloy, für den Deutschland als Machtvakuum nicht weniger gefährlich ist als die vorausgegangene Hybris der Macht.