Kinderbücher, die freudlos und trist einen freudlosen, tristen Kinderalltag rekapitulieren, finde ich einigermaßen entbehrlich. Andererseits nimmt einem Märchen aus der schönen heilen Welt heute ja zum Glück kein Kind mehr ab. Realität ist gefragt.

Jochen Ziems "Boris, Kreuzberg, 12 Jahre" ist der beste Beitrag dafür, daß Tabus in der Kinder- und Jugendliteratur passé sind. Alkoholismus, Prostitution, Jugendkriminalität gehören im Kreuzberger Kiez zum Alltag. Die Straßen, das Trümmergrundstück mit seinen im Müll nistenden Raten, die Penner, die Rocker, die Punks: Boris’ Welt ist Chaos, hier herrscht das Recht des Stärkeren, hier kämpft jeder gegen jeden und für sich allein.

Es ist diesem Buch gegenüber vielleicht ungerecht, wenn mir unweigerlich Neumanns "Kinder von Wien" einfallen. Doch warum sollte man keine literarische Meßlatte anlegen dürfen? Zumal dieser Kreuzberger Kiez, den Jochen Ziem durchaus zum Leben zu erwecken versteht, geradezu Humus für literarische Konstellationen und Figuren zu sein scheint.

Wie etwa Boris: zwölfjährig bereits um seine Kindheit (sprich: Unschuld) betrogen, im Dickicht des Großstadtdschungels nach Uberlebenspfaden suchend, Einzelkämpfer und Verlierertyp. Oder seine Mutter, die im krassen Kontrast zu gängigen Kinderbuchmüttern steht: "schmuddelig, unordentlich, träge", stets nach Alkohol riechend, weshalb sie "nicht einmal den Job einer Putze oder Hauswartsfrau" bekommt. "Sie mußte zum Sozialamt und um Stütze bitten für sich und die Kinder, sie konnte nicht lesen und nicht schreiben, mußte sich eine Binde um die rechte Hand wickeln, als sei sie verwundet, um so zu tun, als hätte sie ihre Lesebrille vergessen, damit ihr geholfen wurde, die Formulare auszufüllen."

Oder Adelheid, die in Boris’ Klasse geht. "Sie war zweimal hängengeblieben. Sie war kein Mädchen mehr. Sie ging schon auf den Strich. Sie war größer als die größten Jungen in der Klasse und schaute auf alle herab. Sie trug schwarze Lederkleidung. Ihr glattes, blondes Haar kämmte sie dauernd mit einem rosaroten Kamm, der fast so breit war wie ihr Haar lang."

Was für ein Personal! Was für Geschichten ließen sich entwickeln in diesem Milieu, das die meisten seiner jugendlichen Leser genau so fremd und exotisch anmuten dürfte wie das der Geschichten aus Tausendundeiner Nacht. Doch leider führt der Autor nun doch diesen Lehrer Hentschke ins Feld, einen jener bärtigen, unkonventionellen Superpädagogen, der die Schwererziehbaren locker in den Griff bekommt. Schade. Kinderstrich hin, Handtaschendiebstähle her: das Buch bekommt dank dieser etwas penetranten Figur leider doch noch etwas Hausbackenes. Daß der Junglehrer am Ende bei den Prüfern keine guten Noten für seinen Unterrichtsstil einheimst – wen hätte das gewundert? Jochen Ziem scheint zu wissen, worüber er seine Figur reden läßt: "Zu wenig Distanz zu den Schülern. Das heißt: Ihr hättet eigentlich nur für mich gearbeitet. Zu wenig Didaktik. Das heißt: zuviel Spaß, zu wenig wissenschaftliche Ordung im Unterricht. Ich hätte euch zuviel Freiheit in der Gestaltung der Stunde gelassen."

Trotzdem finde ich das Buch empfehlenswert. Denn es entführt in eine Welt, die das Negativbild unserer Wohlstandsgesellschaft ist. Vielleicht trägt es mit dazu bei, Vorurteile und Vorverurteilungen abzubauen. Sylvia Brandis