Von Nikolaus Müller-Schöll

Der neue Kasten, vor dem die Familie sich versammelt hatte, war ein wundersames Gerät: er knisterte, und es dauerte eine ganze Weile, bis er Töne von sich gab, dann aber, unüberhörbar, entströmte ihm Musik – ein Wiener Walzer, aus weiter Ferne kommend und immer wieder von einem Wimmern unterbrochen. Danach verlas eine Stimme ein Küchenrezept. Die Familie erstarrte, kein Strickzeug klapperte, keine Teetasse klirrte, keiner wagte, einen Ton von sich zu geben – man hätte ja sonst etwas Wichtiges versäumen können. Stumm starrte man auf den braunen Stoff, hinter dem die Töne wie aus dem Nichts entstanden. Das Radio war erfunden, ein Wunderkasten, eine Attraktion.

Einer aber schrieb: "Ich wünsche sehr, daß diese Bourgeoisie zu ihrer Erfindung des Radios noch eine weitere Erfindung mache: eine, die es ermöglicht, das durch Radio Mitteilbare auch noch für alle Zeiten zu fixieren. Nachkommende Geschlechter hätten dann die Gelegenheit, staunend zu sehen, wie hier eine Kaste, dadurch, daß sie es ermöglichte, das, was sie zu sagen hatte, dem ganzen Erdball zu sagen, es zugleich dem Erdball ermöglichte, zu sehen, daß sie nichts zu sagen hatte." Und einige Jahre später: "Der Rundfunk ist aus einem Distributionsapparat in einen Kommunikationsapparat zu verwandeln." Da war das Radio bereits zu einem Symbol geworden: Sinnbild einer Gesellschaft, in der es Sender und Empfänger, Produzenten und Konsumenten, Herrscher und Beherrschte gab, Sinnbild der Entfremdung schlechthin.

An der Entfremdung hat sich seit Brechts Forderung wenig geändert. Sein Traum, das Radio allen zugänglich zu machen, ist jedoch im vergangenen Jahr so konkret geworden wie nie zuvor. Geträumt wird er nun von Linken und Rechten (!) zwischen Freiburg und Hamburg, Nürnberg und Dortmund, Schifferstadt und Berlin: Offene Kanäle laden jeden dazu ein, Radio und Fernsehen zu produzieren, vom Konsumenten zum Produzenten zu werden; "Alternative" Rundfunksender, in denen sich einstige Piraten ganz legal zu Wort melden, wollen das Radio den Betroffenen öffnen, zumindest aber Gegenöffentlichkeit schaffen. Was einst konservativen Politikern – und nicht nur ihnen – bedrohlich in den Ohren geklungen hätte, was für Brecht "undurchführbar in dieser Gesellschaftsordnung, durchführbar in einer anderen" war, das ist plötzlich kein Problem mehr.

Von der Bewegung zur Welle

Seit dem 23. Juli dieses Jahres strahlt in Freiburg einer der ältesten Piratensender, Radio Dreyeckland, legal ein tägliches Programm aus. Seine Geschichte begann im Jahr 1977 mit einer Zwölf-Minuten-Sendung von der Besetzung eines Atomstrom-Mastes bei Heiteren im Elsaß. Als "Radio Verte Fessenheim" und seit 1981 als Radio Dreyeckland spielte der Sender jahrelang mit der Post Katz und Maus, wurde von den einen zeitweise beschimpft und verfolgt wie Schwerverbrecher und Terroristen, von den anderen zum Mythos stilisiert, gefeiert wie einst Robin Hood von Witwen und Waisen.

Die einen, das waren die Landesregierung, die Justiz und die CDU. Sie sprachen, wie es dem Ritual in solchen Fällen entspricht, von "skandalösen Zuständen", von "Straftätern", "RAF-Sympathisanten" und von "Maßnahmen" zur "wirksamen Strafverfolgung" und reagierten dann mit spektakulären Hausdurchsuchungen, Strafanzeigen und Prozessen wegen "Beihilfe zum Verstoß gegen das Fernmeldeanlagengesetz". Unter den anderen waren Bauern, die gegen Atomkraftwerke und die Rheinverschmutzung Sturm liefen, später Hausbesetzer, die in Freiburg um Wohnungen und autonome Zentren kämpften, noch später Gruppen von A wie Ärzte gegen den Atomkrieg und Aktion Muttermilch bis W wie Wyhl-Infozentrum, die auf der alternativen Welle zu Wort kamen.