Von Hildegard Baumgart

Schnelle psychologische Bestseller sind nie ganz gut und nie ganz schlecht. Sie befassen sich, meist sehr vereinfacht, manchmal besessen, mit einem einzigen Thema, das in der Intensität, mit der es dargeboten wird, den Leser, ja geradezu die ganze Welt überschwemmt. Taucht man in diese Flut ein, dann sieht man eine Zeitlang nichts mehr als, sagen wir, sexuelle Phantasien, mißbrauchte Kinder oder, im Falle von Robin Norwood, Frauen, "die zu sehr lieben". Ihr Buch über das, was sie Beziehungssucht nennt, erschien 1985 in Los Angeles, wurde bei Rowohlt sofort übersetzt (übrigens gut – von Sabine Hedinger) und hat seit seinem Erscheinen im August 1986 eine Auflage von nahezu einer halben Million Exemplaren erreicht.

In der Regel kann auch der Fachmann aus solchen Büchern etwas lernen, wird aber angesichts der Redundanz des Ganzen nach kurzem Lesen wissen, worum es sich handelt und mit weiser Abscheu vor dem Überfüttertwerden das Buch fallen lassen. Die rücksichtslose Klarmacherei von etwas, das so klar niemals ist, kann einem alle Freude am komplizierten Gespinst einer therapeutischen Beziehung, das ganze ewig neue Staunen vor der menschlichen – doch: Seele, nicht Psyche, verderben. Fachleute also kaum – wer kauft, wer braucht diese Art von Büchern, wer braucht Robin Norwood? Mit anderen Worten: Bei einem solchen Erfolg ist vor allem die Beziehung zwischen Produkt und Konsument, in diesem Fall zwischen der Autorin und den Leserinnen interessant.

Von äußerster Wichtigkeit für den Verkauf sind mehr und mehr die Titel geworden. "Wenn Frauen zu sehr lieben", steht also unter der angeschweißten Folie. Das klingt sehr allgemein. Das Buch handelt aber von einer ganz bestimmten, eng umgrenzten Gruppe von Frauen süchtiger, im narzißtischen und oralen Bereich schwer gestörter Männer.

Wie das Krankheitsbild aussieht, ist mit schematischer Deutlichkeit in fünfzehn Punkten beschrieben und enthält Definitionen wie "Sie sind abhängig von Männern und seelischem Schmerz" oder "Zu freundlichen, stabilen, verläßlichen Männern fühlen Sie sich nicht hingezogen. Solche ‚netten‘ Männer finden Sie langweilig"; es ist von Anfälligkeit für Drogen, Alkohol- oder Eßsucht die Rede, von "alarmierend niedrigem Selbstwertgefühl", von engerer Verbindung zum Traum als zur Realität einer Beziehung.

In langjähriger Praxis als Eheberaterin habe ich solche reinen Fälle äußerst selten gesehen und kann mir unmöglich vorstellen, daß alle Käuferinnen und zusätzlich die Leih- und Mitleserinnen sich derart zugespitzt verstehen sollen. Spielt möglicherweise ein falsch verstandener Feminismus eine Rolle? Lesen sie vielleicht nicht genau? Der ganz schlichte Wunsch, mit einem Mann (einem Mann) glücklich zu sein und darin ein unabdingbares Lebensbedürfnis zu sehen, ist jedenfalls für viele Frauen suspekt bis unerlaubt geworden. Anders kann ich mir nicht erklären, daß offenbar so viele Frauen das Gefühl haben, zu sehr zu lieben und mit den im Buch angebotenen Lösungsrezepten etwas anfangen zu können.

Eine überwältigende Fülle von Falldarstellungen bietet wohl vielen, die keine Literatur mehr lesen und zudem eingeschränkte persönliche Erfahrungsmöglichkeiten haben, was immer noch bei sehr vielen Frauen der Fall ist, eine spannende Lektüre.