Odenbach am Glan

Selbst Geographielehrer müssen wohl den Atlas heranziehen, um Odenbach am Glan in der Nordpfalz zu finden. Kein Schloß, keine mittelalterliche Kirche, kein Badesee – warum sollte also jemand hierher kommen?

Im Dorf gibt es eine Synagoge. Selbst dies scheint nichts Besonderes, seit wir wissen, daß es in Deutschland noch Hunderte von zerfallenen Dorfsynagogen gibt. Kunstdenkmäler sind die wenigsten, die Landjuden waren arm und konnten sich nur schlichte Gebäude leisten. Die Synagoge von Odenbach ist so ein ärmlicher Bau. Versteckt hinter Wohnhäusern und Scheunen, zerfällt das Fachwerkgebäude mehr und mehr. Niemand hätte davon Notiz genommen, hätte nicht 1985 der Pfälzer Student Bernhard Kukatzki in dem leerstehenden Gebäude Spuren von Wandmalereien gefunden.

Die Malereien wurden – so ein Gutachten – beim Bau der Synagoge im Jahre 1752 angefertigt. In dieser Zeit wurden mehrere Synagogen in Süddeutschland von dem aus Polen stammenden Elieser Sussmann ausgemalt. Fünf ehemalige Standorte seiner Kunstwerke sind bekannt, zwei Fragmente sind erhalten, das eine befindet sich im Kekkenburg-Museum in Schwäbisch-Hall, das andere in Jerusalem. Eine erhaltene Synagoge mit spätbarocken Wandmalereien ist in Süddeutschland bislang nicht bekannt gewesen. Odenbach ist unter Umständen jetzt der einzige Ort, in dem Malereien dieser Art am originalen Standort erhalten sind. Ohne Zweifel stünde dann der Synagoge der Rang eines nationalen Denkmals zu.

Das Gebäude wurde 1987 unter Denkmalschutz gestellt, 1988 gründete sich ein Förderverein zu seiner Erhaltung. Kein leichtes Unterfangen: Mit Mühe und Not hat der Gemeinderat mit fünf zu vier Stimmen beschlossen, 1500 Mark für ein Gutachten bereitzustellen. Die Aussagen eines Darmstädter Architekten werden über die Konservierung des Gebäudes entscheiden. Sollte es negativ ausfallen, dann wandern die Malereien wohl in das Historische Museum der Pfalz, das eine eigene Abteilung für Judaica besitzt. Gegen diese Möglichkeit protestiert Hilde Dittrich, die Vorsitzende des Fördervereins.

Nach Ansicht des Fördervereins müssen die Malereien in der Synagoge bleiben. Zumal der Eigentümer der Synagoge unter dem Fachwerkputz sackweise versteckte Urkunden und Bücher in hebräischer Schrift gefunden hat, die noch einer fachkundigen Auswertung bedürfen. Doch die Kreisverwaltung kann sich nicht entschließen, in Odenbach ein Museum und Dokumentationszentrum für die jüdische Kultur der Nordpfalz einzurichten – angeblich sei die Synagoge zu klein für diesen Zweck. Eine Ausstellung jüdischer Dokumente soll vielmehr in einer Wasserburg von Reipoltskirchen untergebracht werden – an einem Ort und in einer Landschaft, in der nie jüdische Gemeinden von erwähnenswertem Umfang existierten.

Die kostbaren Malereien in der Odenbacher Synagoge verblassen zusehends, der Putz hat seit 1985 an vielen Stellen Blasen geworfen, durch das Dach rinnt das Regenwasser. Der Landeskonservator will sich jetzt um eine Notsicherungsmaßnahme bemühen, der Eigentümer ist bereit, das Gebäude zu veräußern. Die Kommune jedoch scheint überhaupt nicht interessiert zu sein. Die Synagoge ist die älteste erhaltene in der Pfalz und zugleich die einzige mit einer barockei. lung. Von den 42 in der Pfalz noch bestehenden Synagogen sind nur noch neun eindeutig zu identifizieren. 33 Synagogen wurden bis zur Unkenntlichkeit zu Wohnhäusern umgebaut, hebräische Insignien wurden fast überall abgeschlagen.

In Planing, ebenfalls ein Ort dieser Region und heute Ortsteil von Bad Kreuznach, hat man 1950 (!) die im Jahre 1759 erbaute und vollkommen ausgemalte Synagoge abgerissen. Nur zwei Photos erinnern noch an die Wandmalereien. Im Jahr der fünfzigsten Wiederkehr des NS-Pogroms "Reichskristallnacht" werden vielerorts Gedenkfeiern organisiert – der Odenbacher Synagoge, die nach dem Ende der Nazi-Zeit jahrzehntelang als Lager diente, kann das offenbar nicht helfen. Vielleicht lassen sich die Kommunalpolitiker mit diesem Argument gewinnen? – Für Malereien aus der Sussmann-Schule sind vor einiger Zeit aus Amerika zwanzig Millionen Mark geboten worden. R.J. Bender