Das schlimmste, was man zur Zeit über einen Film sagen kann, ist, daß er von 1968 erzählt. Denn 1968 ist einerseits ein Datum und andererseits ein Weihnachtsmärchen. Ein Film, der von 1968 handelt, erzählt entweder eine wahre Geschichte von damals oder verprellt die Märchenfreunde, oder er stiftet noch eine Kerze mehr für die Helden von gestern und verpufft in Weihrauch und Nostalgie. In diesem Jahr versuchte es Margarethe von Trotta mit "Fürchten und Lieben", einer italienischen Version von Tschechows "Drei Schwestern": Da wurde es Weihnachten auch in Pavia, und Fanny Ardant und Greta Scacchi verwandelten sich in postemanzipatorische Adventsengel, die mit marxfrommen Herzen unter sündhaft teuren Armani-Mänteln auf das Christkind warteten. Der Amerikaner Paul Schrader versuchte es mit der Geschichte der Patty Hearst und wurde von den europäischen Kritikern, die in den sechziger Jahren "dabei" waren, verrissen. "Patty" war zu real, "Fürchten und Lieben" zu nostalgisch, und in der Mitte zwischen beiden liegt "Der große Frust". So hieß ein Film von Lawrence Kasdan, The big chill auf amerikanisch, der vor fünf Jahren ins Kino kam und die Katerstimmung nach 1968 auf den Punkt brachte.

1968, das ist der große Frust und die große Kälte. Also nichts, wovon man so einfach erzählen kann. Sidney Lumet versucht es trotzdem. Schon deshalb ist "Die Flucht ins Ungewisse" eine Zumutung. Der Film macht es weder den Märchenfreunden noch ihren abgeklärten Widersachern recht. Er täuscht die eine Erwartung und brüskiert die andere. Statt eines politischen Dramas erzählt Lumet eine Familiengeschichte. Und anstelle des großen Frusts setzt er die kleinen Fluchten: Wege ins Ungewisse. Zum Vorspann sieht man eine Straße bei Nacht, die weißen Linien des Mittelstreifens im Dunkel, und spürt die Bewegung eines Wagens, der immer langsamer wird. Running on empty heißt der Film im Original. Das bedeutet Erschöpfung, Leerlauf. Und Weiterfahren, Weitermachen, auch wenn kein Benzin mehr im Tank ist. "Atemlos" könnte der Film auch heißen. Da, wo seinen Figuren die Luft ausgeht, beginnt die Geschichte.

Arthur und Annie Pope sind seit sechzehn Jahren auf der Flucht. Damals, 1971, haben sie ein Labor in die Luft gesprengt, in dem Napalm für den Vietnamkrieg hergestellt wurde. Ein Hausmeister wurde bei dem Attentat blind und querschnittsgelähmt. Seitdem ist das FBI Arthur und Annie auf den Fersen. Aber Amerika ist ein weites Land, und so konnte das Paar bisher seinen Verfolgern entkommen. Arthur und Annie haben zwei Kinder, Danny und Harry, sechzehn und zehn Jahre alt. Danny und Harry wissen, wie man Nummernschilder auswechselt, falsche Lebensläufe auswendig lernt und sich auf Klassenphotos unsichtbar macht. Der Film beginnt damit, daß Danny von der Schule nach Hause kommt. An einer Straßenecke steht ein FBI-Auto, ein paar Schritte weiter noch eins. Danny schlägt sich in die Büsche und holt seinen Bruder aus dem Haus, geräuschlos. Nur keinen Lärm machen. Am selben Abend sind die Popes wieder on the road An einer Tankstelle setzen sie den Hund aus. Dann färben sie sich die Haare. Dann wechseln sie das Nummernschild. Ein Hundeleben.

Danny wird von River Phoenix gespielt, dem Teenagerstar aus "Stand by me" und "Mosquito Coast". River Phoenix sieht aus wie irgendein Junge, Geschichten wie die seine gibt es im Dutzend. In der neuen Stadt, irgendwo in Oakland, lernt er ein Mädchen kennen und will bei ihr bleiben. Seit Jahren übt er auf einem Holzbrett mit aufgemalten Tasten das Klavierspielen, jetzt will ihn sein Musiklehrer dafür aufs Juilliard College schicken. Die Klaviermusik klingt wie eins von Dannys Übungsstücken, und so erfährt man ohne Worte, daß es seine Geschichte ist, die der Film erzählt.

Lumet treibt das Drama nicht ungeduldig voran, er schaut seinen Figuren zu, wie sie sich in der Lebenslüge verfangen, von der sie zehren. "Die Flucht ins Ungewisse" ist so altmodisch unaufgedreht und präzise wie fast alle Filme von Lumet, von den "Zwölf Geschworenen" (1957) bis zu der rührseligen Garbo-Komödie "Die Göttliche" (1984). Daß Lumet auch Filme wie "Equus" und "Der Morgen danach" gedreht hat, spricht nicht gegen ihn, es zeigt nur die Marktmechanismen Hollywoods: auf jeweils zwei "eigene" Filme kommt, nicht nur bei Sidney Lumet, eben eine Auftragsarbeit.

Lumet ist nie ein "Autor" gewesen, sondern eher ein metteur en scène, ein Vermittler: Das kommt der "Flucht ins Ungewisse", nach einem Drehbuch von Naomi Foner, zugute. Der Film hat etwas Überredendes, weil er nicht redet, sondern beobachtet. Wenn Annie (Christine Lathi) zu ihrem Vater geht und ihn bittet, Danny bei sich aufzunehmen, dann antwortet sie auf die Vorwürfe des Alten nur mit einem einzigen Satz: "Ich war jung" – und in diesem Moment geht es um nichts anderes. Und wenn Arthur (Judd Hirsch) betrunken nach Hause kommt und die Nummer seines Personalausweises lallt, sieht man, wie sehr er sich nach seinem richtigen Namen und nach einem richtigen Leben (auch "im falschen") sehnt. Nicht mehr. Aber das genügt.

Running on empty, das ist die Wiederkehr von 1968 als Familienspuk. Die Kinder reißen sich los, die Eltern reisen weiter. Für Lumet wäre es ein leichtes, River Phoenix als dummen Teenager und Hirsch und Lathi als vergreistes Bombenlegerpaar zu karikieren. Das Ereignis dieses Films besteht darin, daß er beiden recht gibt.

Am Ende steht Danny auf einem Parkplatz und sieht seine Eltern davonfahren. Sie kratzen die Kurve, buchstäblich. Irgendwann werden sie sich stellen. So enden keine Märchen. Andreas Kilb