Von Rolf Michaelis

Dieses kuriose Buch reicht von "Aal" bis "Zypressenwald", enthält also, wie der Untertitel verspricht, Shakespeares "Alphabet". Es ist ein Register sämtlicher Dramen, aller Rollen Shakespeares. Ein Namensbuch aller Gestalten in Shakespeares Welt, bis hin zu Randfiguren und Schattengestalten, über die es etwa heißt: "Bern, französischer Herzog in ‚Heinrich V.‘, genannt, unbekannt bleibend wie so mancher" oder: "Will, Freund Peter Puffs in ‚Heinrich VI./2.’"

Ein Nachschlagewerk also. Aber gehören in ein Handbuch Glossen und Kommentare, wie sie der Autor hier an den seltsamsten Stellen versteckt? Über den Diener Adam in "Wie es euch gefällt" lesen wir: "An die achtzig Jahre alt, geht mit Orlando in den Wald; über seine beinahe antiquierte Treue sagt Orlando: ‚O good old man, how well in thee appears / The constant Service of the antique world‘ – ‚O redlicher alter Mann, wie wohl zeigt sich in dir die standhafte Treue der alten Welt‘ (Wieland). Ariost, hundert Jahre vor Shakespeare und auch ein Liebhaber der Ardennen, spricht am Anfang seines ‚Orlando Furioso’ von der berühmten ‚Biederkeit der alten Rittersitten’; Adams Spur verliert sich dann irgendwann im Stück – so ist das also mit der Treue der alten Welt."

Da erinnern wir uns, daß Rolf Vollmann ein Meister der Abschweifung ist, die bei ihm besser Hinschweifung genannt würde, weil seine Umwege schneller – und schöner – ins Herz einer Person, einer Sache, eines Themas stoßen als die vermeintlich direkten Wege gelehrter Trampelpfade. Hat Vollmann nicht sein Buch über Jean Paul ("Das Tolle neben dem Schönen", 1975) mit einer hinschweifenden Fußnote begonnen, so daß die erste Seite, nach einer einzigen Zeile Text, gleich dreißig Zeilen Kommentar bringt? Und ist er damit nicht Jean Pauls Traum nahegekommen, der in seinen "Gedanken-Heften" einmal sinniert: "Ein Buch, worin unter der ersten Seite eine Note ist, die das ganze Buch ausfüllt und ausmacht."

Ja, dieses Handbuch der Shakespeare-Forschung hat kein anglizistischer "Papierknisterer" (so nennt der hochgebildete Literatur-Liebhaber Vollmann die beamteten Philologen) in Zettelkästen herangezüchtet, sondern ein leidenschaftlicher Leser über Jahre hin geschrieben und sich und seine literarischen Vorlieben ungeniert mit hineingesteckt. Daß da ein Leser mal nicht jede Anspielung versteht, nicht jeder Assoziation folgen mag, stört den Verfasser dieses Lexikons als Lesebuch nicht. Er winkt da eben rasch mal anderen Viellesern zu, etwa beim Stichwort "Zauberwort":

Zauberworte, zwei, in welche sie, sagt Imogen in ‚Cymbeline‘, hätte der grimmige Cymbeline durch sein Dazwischenkommen sie nicht gestört, Posthumus gegenüber ihren Abschiedskuß eingefaßt haben würde; Warburton, als ob er dabeigewesen wäre, sagt Steevens, war der Meinung, die beiden Zauberworte seien gewesen: ‚adieu Posthumus’: als ob, wie Edwards dagegen meine, eine Liebende wie Imogen nichts Zärtlicheres zum Einfassen eines Kusses gefunden haben würde: dies alles merkt Eschenburg zu den ‚charmin words‘, den Zauberworten an; ich meinerseits, wenn ich daran denke, wie schön Teresa ihr ‚addio caro‘ dem Giannozzo hinaufruft, und er ihr sein ‚addio carissima‘ hinab, zweifle nicht daran, daß die schöne Imogen imstand war, alles, womit sie den Kuß einfassen wollte, in ein ‚adieu Posthumus‘ zu legen."

So schreibt man kein Wörter-, wohl aber ein Lesebuch. Der kleine Eintrag über "Zauberworte" gibt sich selber dem Zauber der Worte hin. In sanfter Parodie auf den wissenschaftlichen Stil des Zitierens und Verweisens schleppt Vollmann die Früchte seines Lese- und Sammel-Fleißes in die Anmerkung, aus der er sich dann ins "Luftmeer" hebt wie Jean Pauls Held von der "dunkelhaarigen, glänzenden jungen" Teresa, der er einen "Flammenkuß von den üppigen, vollen Lippen" geraubt hat – in "Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch" aus dem "Komischen Anhang" zum "Titan", den Vollmann in seinem Jean-Paul-Buch als "den größten Roman" preist, "den wir Deutsche haben".