In ihren Romanen gibt es immer zumindest ein Liebespaar, das sich vor Sehnsucht nacheinander verzehrt, aber daran gehindert wird, zueinander zu kommen. Oft werden sanftmütige Töchter mit vom Vater ausgesuchten Männern verheiratet, die sie zwar von Herzen lieben, denen sie sich aber entziehen, wenn sie erfahren, daß die Ehe "arrangiert" war. Geld spielt immer eine Rolle. Solange die Romanfiguren keins haben, sind sie unglücklich, sie plagen sich, sie wirken verhärmt und erblühen erst so recht, wenn es ihnen wirtschaftlich wieder hervorragend geht.

Die Lebensgeschichte der Hedwig Courths-Mahler könnte aus einem ihrer Romane stammen: Sie ist ein wahr gewordenes Märchen, die Geschichte vom Aschenputtel, das zwar nicht den Prinzen heiratet, aber aus eigener Kraft eine Königin wird. Am 18. Februar 1867 wird Ernestine Friederike Elisabeth Mahler in Nebra a. d. Unstruth in Thüringen unehelich geboren. Sie wächst bei verschiedenen Pflegeeltern auf. Mit zwölf verläßt sie die Schule, mit vierzehn arbeitet sie als Dienstmädchen, später als Verkäuferin. Mit siebzehn beginnt sie zu schreiben. Hedwig nennt sie sich nach einer bewunderten Zirkusreiterin. Ihre Erzählungen erscheinen im Leipziger Tageblatt. Die junge Frau heiratet 1889 den Zeichenlehrer und Dekorationsmaler Fritz Courths; man zieht nach Chemnitz. Zwei Töchter werden geboren. Dem Chefredakteur der Chemnitzer Zeitung, Hermann Hartwig, zeigt Hedwig einige Romanmanuskripte. Er ist begeistert, er hilft ihr, berät sie in Orthographie- und Interpunktionsfragen. Einige ihrer Geschichten druckt er. Doch als die Familie 1905 nach Berlin zieht, kennt dort natürlich niemand die Chemnitzer Lokalberühmtheit Hedwig Courths-Mahler.

Der Ehemann wird arbeitslos. Nun ist Hedwig gezwungen, mit ihrem Schreiben die Familie zu ernähren. Zunächst fällt sie auf einen skrupellosen Verleger herein, der sie ausnutzt und ihre Texte mit hohem Profit an andere Verlage und Zeitschriften weiterverkauft. Doch Hilfe ist nicht mehr fern: Wie im Roman stirbt der Bösewicht, Hedwig Courths-Mahler ist frei. Sie kauft die Rechte an ihren Romanen zurück. Ein anständiger Verleger betritt die Bühne, der ihr sogar die Abdruckrechte für Zeitschriften läßt. Von 1912 an verdient sie viel Geld. Acht Jahre später ist Hedwig Courths-Mahler Millionärin.

Die Familie zieht nach Charlottenburg, wo ein großes Haus geführt wird, man gibt Empfänge und Diners. Fritz Courths arbeitet jetzt nur noch zu seinem Vergnügen. Seine Frau aber ist eine Berliner Persönlichkeit. Weil sie bescheiden bleibt, niemals ihre Herkunft verleugnet, auch nicht behauptet, literarisch wertvolle Werke zu verfassen, ist Hedwig Courths-Mahler beliebt und wird geachtet. In der Inflationszeit verliert sie ihr gesamtes Vermögen, aber bereits 1924 sind wieder zwölf neue Romane auf dem Markt. Es geht erneut bergauf.

Ihre Lesergemeinde wächst, nicht zuletzt durch das Blatt Die Hausfrau das über vierzig Lokalausgaben hat und im Feuilleton ausschließlich Courths-Mahler-Romane bringt. Ihre Romane – insgesamt 208 – erreichen eine Auflage von knapp dreißig Millionen. Und das, obwohl ihre Werke nach 1933 nicht mehr ungehindert erscheinen.

Ihrem Verlag wird die Papierzuteilung verweigert, weil die Schriftstellerin Hedwig Courths-Mahler sich geweigert hat, ihren Negativgestalten – herrischen Vätern, putzsüchtigen Töchtern, lüsternen Alten, intriganten Dienerinnen – eindeutig jüdische Züge zu verleihen. Einen Fragebogen der Reichsschrifttumskammer schickt sie unausgefüllt zurück. 1939 hört sie auf zu schreiben. Doch im Krieg müssen ihre Romane als Feldausgaben genehmigt werden, weil die Nachfrage so heftig ist.

In ihrem Todesjahr 1950 kommen ihre Romane in Neuauflagen heraus. Schon drucken die ersten Zeitungen "Courths-Mahler in Fortsetzungen". Ihre scheinbar so harmlosen Märchen mit ihrem stets eingelösten Glücksversprechen haben an Faszination nichts eingebüßt, obwohl doch (oder: weil?) die von ihr geschilderte Welt der Adeligen, Offiziere, Großgrundbesitzer und großmütigen Fabrikanten schon zu ihren Lebzeiten Vergangenheit war. Doch die Titel: "Ich lasse dich nicht", oder "Was tat ich dir?" oder "Die Menschen nennen es Liebe" sind geniale Verkaufsanreize. Als einige ihrer Geschichten in den siebziger Jahren vom Fernsehen verfilmt werden, greifen Leute, die niemals zuvor einen Courths-Mahler gelesen hatten, zu ihren Büchern – Gesamtauflage heute: 3,5 Millionen. Sie selber erklärte ihren Erfolg so: "Ich habe nichts anderes getan als später der Film: Ich habe schwer arbeitenden Menschen jenes Leben gezeigt, nach dem immer ihre Sehnsucht ging, das sie jedoch nie kennenlernen würden. Ich habe Märchen für große Kinder erdacht." Doris Maurer