London, im November

Margaret Thatchers Auslandsreisen haben in den letzten Jahren immer mehr den Charakter von Kreuzzügen angenommen. Beflügelt vom Erfolg der Radikalkur, mit der sie Großbritannien vor dem Niedergang bewahrt hat und gestärkt durch ihre unbestrittene Sonderstellung unter den westlichen Regierungschefs, läßt sie keine Gelegenheit verstreichen, die Botschaft von den Vorzügen des Thatcherismus, von Markteffizienz und Liberalisierung auch außer Landes zu verkünden. Durch den Wandlungsprozeß in der kommunistischen Welt fühlt sie sich noch zusätzlich bestätigt. Artige Komplimente ihrer polnischen Gastgeber in den britischen Medien – Rakowski wäre "gern ihr Schüler", Jaruzelski pries ihre "wegweisende und mutige Wirtschaftspolitik" – bestärken noch das ohnehin nicht geringe Selbstwertgefühl von Frau Thatcher.

Die britische Nation verfolgte den Auftritt ihrer Premierministerin in Polen mit sichtlicher Genugtuung. Die Massenpresse überraschte ihre Leserschaft mit ungewöhnlich detaillierten Berichten; in den Stimmen der britischen Rundfunk- und Fernsehreporter, die sich aus Danzig und Warschau meldeten, war ein Hauch von Stolz nicht zu überhören.

Gerade die Beschäftigung mit Polen löst bei den Briten Erinnerungen an jene Zeit aus, in der "die britische Nation vielleicht das letzte Mal Außergewöhnliches geleistet hat", wie der konservative Daily Telegraph über die britische Rolle im Zweiten Weltkrieg schrieb. Großverleger Robert Maxwell griff selbst zur Feder, um in einem Leitartikel seines (Labour-nahen) Massenblattes Daily Mirror hervorzuheben, Großbritannien stelle für das polnische Volk nach wie vor das "Symbol der Freiheit" dar.

Nach ihrem Amtsantritt vor neuneinhalb Jahren hatte die Premierministerin Diplomaten und hohe Regierungsbeamte noch mit ihrer insular geprägten, allzu simplen Weltsicht erschreckt. Mittlerweile ist aus Margaret Thatcher eine weltläufige, kühl operierende Politikerin geworden. In Polen demonstrierte sie die für sie typische Mischung aus unverblümter Offenheit und hochentwickeltem Gespür für Realitäten. Selbst ausgewiesene Thatcher-Kritiker mochten die starke emotionale Wirkung ihres Besuches nicht leugnen und bestätigten der Premierministerin, behutsam und weise aufgetreten zu sein. Der Independent sprach tief beeindruckt vom enormen Erfolg ihrer Mission, den kein anderer westlicher Staatsmann hätte erzielen können.

Der Versuch eines Labour-Sprechers, die Wirkung des Besuches zu mindern, indem er ihn mit der Hitler-Invasion gleichsetzte, war nicht nur peinlich, er schadete Labour zwangsläufig angesichts der weitverbreiteten positiven Stimmung im Lande. Dabei entbehrte die Reise nicht der Ironie: Wohl aus Rücksicht auf das Treffen mit Arbeiterführer Walesa wurde die Schließung einer britischen Werft verschoben; und während Margaret Thatcher in Polen beredt für einen "sozialen Dialog" zwischen Gewerkschaften und Regierung eintrat, wurden im Abhörzentrum Cheltenham gerade Angestellte entlassen, weil sie nicht auf ihre Gewerkschaftsmitgliedschaft verzichten wollen.

Jürgen Krönig