Von Carl-Christian Kaiser

Aus den Verschwörungstheorien, die nun – als heiße er Barschel – auch Ernst Albrecht kultiviert, läßt sich heraushören, wie tief gekränkt er ist. Seine törichten Tiraden gegen eine angeblich mit Millionengeldern und riesigem publizistischem Aufwand betriebene Verleumdungskampagne sind nicht nur die Antwort auf eine Opposition, die ihrerseits mit drastischen Worten nicht spart. Offenkundig fühlt sich der niedersächsische Ministerpräsident im Innersten getroffen. Der politische Alltag, über den er lange Jahre so erhaben schien, hat ihn endgültig eingeholt.

Wie bitter der Tribut ist, den Albrecht dabei zollen muß, zeigt allein schon die Bilanz der beiden letzten Wochen. Unter dem Diktat der Umstände und der eigenen Leute hat er zwei Minister opfern und unerwünschte Nachfolger akzeptieren müssen. Mehr oder minder gegen seinen Willen sind auch fünf Staatssekretäre neu berufen oder umgesetzt worden. Schlimmer noch: Schimmert unter dem geflickten Personalmantel ohnehin nur pure Machterhaltung als Motiv durch, so hat den hannoverschen Regierungschef in einem Fall sogar jeder Instinkt verlassen. Ausgerechnet den Staatssekretär, dessen Rolle in der Spielbankenaffäre noch geklärt werden muß, wollte er an die Spitze der halbstaatlichen Lotto-Toto-Gesellschaft stellen. Auch dabei ist er aus den eigenen Reihen korrigiert worden.

Die vielleicht schlimmste Folge ist aber, daß jenes Vorhaben, das Albrecht zum "großen Thema der ganzen Bundesrepublik" machen wollte, der Ausgleich des zunehmenden Süd-Nord-Gefälles, ungewisser denn je zuvor ist. Im Interessengerangel zwischen Bund und Ländern und unter den Ländern ist das ursprüngliche Modell sowieso bis zur Unkenntlichkeit verbogen worden. Doch nun wird selbst das, was Albrecht noch in Händen hält, womöglich vor dem Verfassungsgericht nicht Bestand haben; Hessen will klagen. Und macht Rheinland-Pfalz seine Ankündigung wahr, daß es dann im Gegenzug Karlsruhe wegen des jüngsten Finanzausgleichsgesetzes bemühen werde, kann noch mehr ins Wanken geraten.

Ob in Hannover oder in Bonn: Im Augenblick droht Albrecht die Gefahr, eher eine Trümmerlandschaft als bleibende Werke zu hinterlassen. Darin liegt, von der Sache her, seine tiefe Kränkung. Denn aus dem strukturell weithin schwachen Niedersachsen ein "Aufsteigerland" zu machen – das sollte sein Werk in seinem zweiten Lebensabschnitt werden, als er, nach den Jahren einer steilen Karriere bei der Brüsseler EG-Kommission, in die Landespolitik wechselte und 1976 überraschend zum Ministerpräsidenten gewählt wurde.

Die Überraschung lag freilich nicht nur in dieser Wahl. Vielmehr zeigte sich bald, daß im Politikbetrieb jemand aufgetaucht war, der sich von vielen anderen Leitfiguren erheblich unterschied, Albrecht machte klar, daß er nichts mit der schwitzenden Geschäftigkeit jener Politiker gemein haben wollte, die sich im Gewirr der Sachzwänge mit taktischen Winkelzügen durchzulavieren suchen. Der Schüler von Nicolai Hartmann und Karl Jaspers erwies sich als Überzeugungstäter, dessen so gelassen wirkende Selbstgewißheit auch tief in religiöse Gründe reichte. Albrecht wollte auch in der Politik er selber sein; ein Mann ganz aus eigenem Recht.

Das hat ihn, so kontrovers die Lage manchmal auch sein mochte, zu ihrem Herrn gemacht: Zum Beispiel, als er, gleich nach seinem Amtsantritt in Hannover den Polen-Verträgen der damaligen sozial-liberalen Koalition in Bonn über die Hürden half. Oder als er sich später, auch taktisch versiert, aus jener Klemme zog, zu der sich der Streit um das nukleare Entsorgungszentrum in Gorleben verfestigt hatte: "Technisch machbar, aber politisch nicht durchsetzbar". Die Erfolge bei den Landtagswahlen bestätigten sein Geschick, bis hin zur absoluten Mehrheit, die seinem absoluten Anspruch entgegenkam.