Von Birgit Dankert

Wer zwischen dem siebten und dem zwölften Lebensjahr kein gewohnheitsmäßiger Leser wird, hat später wenig Anlaß oder Gelegenheit, seine literarische Abstinenz fallenzulassen. In unserem Kulturkreis gehen – neben dem Medienalltag – Lesetraining und Welterfahrung im Grundschulalter immer noch Hand in Hand. Daß diese ebenso vielversprechende wie gefährliche Kombination nicht in eine Sackgasse führt, liegt in der Verantwortlichkeit der Erwachsenen. Kinderbücher können mehr als Übungstexte, Kinderleben immer auch Literatur sein.

Das Fernglas in der Latzhose, fährt Niko jeden Nachmittag um vier mit dem Kettcar seinem Vater entgegen. Hinter den Hosenträgern klemmt die "Übungsschwester", eine Stoffpuppe, mit deren Hilfe sich Niko auf das Baby vorbereitet, das in allernächster Zeit geboren werden soll. Jedes Mal hat er vorher etwas erlebt, was er dem Vater erzählt oder aus guten Gründen verschweigt. Nie vergißt der Vater, nach Mutters Wohlergehen zu fragen. Immer hat Nikos Antwort auch mit der erwarteten kleinen Schwester zu tun.

Als begabter und erfahrener Kinderbuchautor gleicht Bröger die Erzählstruktur seiner Episodenkette dem Bewußtseinsstand des kleinen Helden und dem Aufnahmevermögen junger Leser an. Niko ist eingebunden in elterliche Fürsorge. Aber auf seinem Weg zum Vater handelt er selbständig und unabhängig. Was ihm tagsüber begegnet, wird noch einmal rekapituliert, wenn Niko erzählt und sich dabei genau überlegt, was er sagen will. Auch hier probt der kleine Junge eigene Entscheidungen. Die Ausnahme-Situation vor der Geburt erlaubt ihm manches, für das er sonst "zu klein" wäre. Seine letzten Tage ohne Schwester lassen ihn älter werden, neue Verbindungen suchen. Als großer Bruder wird er das Baby begrüßen. Selten ist das Thema des erwarteten zweiten Kindes so liebevoll und gekonnt behandelt worden.

Zwei Vorschulkinder in der Neubausiedlung freunden sich an, lieben und streiten sich, erfahren Freude, Aufregung, Langeweile, Traurigkeit und Ärger miteinander. Kathi, phantasievoll und lebhaft, bestimmt gerne, was zu tun ist. Hannes dagegen wirkt introvertiert, nachdenklich und fühlt sich – in Grenzen – für beide verantwortlich. Ein ideales Freundespaar also, zwei Kinder, wie wir sie alle kennen.

In neunzehn "Sandkastengeschichten" – gut zum Vorlesen und für Leseanfänger – erzählt die seit vierzig Jahren erfolgreich für Kinder und Jugendliche schreibende niederländische Autorin Miep Diekmann mit Augenmaß und Humor kleine Vorgänge des Kinderalltags auf eine behutsam, belehrende Pointe hin.

Ob es im Sandkasten pocht, ein Klaps von Vater droht, die Ausreden überhand nehmen oder der Verkauf kleiner Schneemänner das Taschengeld aufbessern soll – immer nehmen Taten und Gefühle einen etwas anderen Verlauf als erwartet. Denn für Hannes und Kathi bleibt vieles noch ein Rätsel, und das Leben läßt sich offensichtlich weder im Sandkasten noch von Papas Liegestuhl aus vorausberechnen. In diesem kleinen Riß zwischen Absicht und Wirklichkeit liegt das wirkungsvolle Geheimnis des fröhlichen Buches. Es würdigt Kinderfreundschaft als haltbare Solidarität und Verlängerung familiärer Zärtlichkeit.