In Frankreich brennen Filmtheater – tatsächlich. In Wien brennt das Burgtheater – einstweilen nur auf einer obszönen Photomontage der Neuen Kronen Zeitung. In Frankreich geht es um einen Film (Martin Scorseses "Die letzte Versuchung Christi"), in Wien um ein Theaterstück (Thomas Bernhards "Heldenplatz"). An beiden Orten geht es um Kunst oder Blasphemie, um gerechten oder geheuchelten Bürgerzorn.

Noch sieht es so aus, als würde die Kunst den Kampf gegen die Kunstverhinderer und Kunstvernichter gewinnen: Scorseses Film wird gespielt (wenn auch nicht überall), Bernhards Stück wird aufgeführt (wenn auch nur am Burgtheater). Die Reporter rasen, die Rezensenten rezensieren, das Publikum ist aufgewühlt. Im Skandal (nur noch im Skandal?) wird das Kunstwerk, was es gern immer wäre: der Mittelpunkt der Welt.

Natürlich gibt es auch sinnlosen Krawall, törichte Provokation, falsche Erregung. Das nennt man dann eine "Affäre" – kurzer Lärm, schnell verweht. Die Affäre regt bloß auf, der wirkliche, der notwendige Skandal verletzt. Solange es Antisemiten in Wien gibt (oder anderswo), müssen Stücke wie "Heldenplatz" sein. Solange der Glaube nicht wirklich Liebe ist, sondern von Bigotterie, Fanatismus, Intoleranz entstellt wird, muß es Filme wie den von Scorsese geben. Wobei es selten die größten Kunstwerke sind, die den größten Aufruhr machen – Hochhuths "Stellvertreter" und Fassbinders "Müll"-Stück zum Exempel.

Skandale stören den Schlaf, bringen das Verschwiegene zur Sprache. Skandale sind die Festtage der Kunst – natürlich nur, solange das Feuer in den Köpfen brennt und nicht in den Theatern. Solange keiner Amok läuft. Solange alle Akteure die Spielregeln halbwegs beherrschen – und der Haß im Skandal den Spaß am Skandal nicht völlig verdrängt.

Es ist, weiß Gott, kein ungefährliches Spiel – und mancher hätte die Kunst und die Künstler gern etwas braver, netter, adretter. Doch brave Kunst ist keine Kunst. Solange es Kunst gibt, wird sie mit dem Feuer spielen – ein Licht in trüben Tagen. Benjamin Henrichs