Berlin:

"Der Schrei nach dem Turmhaus"

Seit ungefähr 1910 konnte man Bauherren und Architekten in der Weltstadt Berlin nach dem Hochhaus rufen hören. Zum "Schrei nach dem Turmhaus" (wie die Bauwelt ihn dann zu hören glaubte) kam es freilich erst 1921/22, als eine Gruppe von Geldleuten die Turmhaus AG gründete, alsbald einen Architekten-Wettbewerb ausschrieb, eine als "akademisch" bekrittelte Jury berief und sie über die 144 eingesandten Entwürfe richten ließ. Das Turmhaus, das die Investoren sich als unübersehbare Pointe im Stadtbild erhofften, sollte mitten im Geschäfts- und Vergnügungszentrum Berlins errichtet werden, auf einem dreieckigen Grundstück in denkbar bester Lage: zwischen dem Bahnhof Friedrichstraße und der Spree (deren Brücke hier mit dem Preußenadler im Geländer Wolf Biermann nach seinem Ausschluß aus der DDR so bewegend besungen hat). Die Architekten haben monumentale, backsteingotische, expressionistische, orientalische, aber auch sehr moderne Hochhäuser gezeichnet, die berühmtesten kamen von Hugo Hä ring, Scharoun, Poelzig und Elsässer, das allerkühnste von Ludwig Mies van der Rohe: ein dreieckiges, im Grundriß eigenartig geschwungenes Hochhaus mit einem Stahlskelett und einer Haut aus Glas. Es war die furioseste Idee in diesem – ausdrücklich so gewollten – Ideen Wettbewerb. Vierzig Entwürfe sind erhalten geblieben, einige davon auf Originalzeichnungen. Sie sind nun (unter entscheidender Mithilfe der Technischen Universität Berlin) im Bauhaus-Archiv zu sehen: eine kleine, sehr kompakte, gescheit erläuterte, also informative und zugleich spannende Ausstellung, die durch Nebenausstellungen komplettiert wird. Da sieht man die wichtigsten Beispiele aus Amerika, dem Wolkenkratzerland, das die deutschen Architekten erstaunlicherweise nicht nachzuahmen versuchten; da sieht man dann auch das Ergebnis des zweiten, kleineren Wettbewerbs, den die Berliner Verkehrs-Gesellschaft (als Nachfolger der gescheiterten Turmhaus AG) 1929 veranstaltete und der genauso ins Leere ging: Das verlockende Grundstück ist bis heute unbebaut geblieben. (Bis 15. Januar, Katalog 38 Mark) Manfred Sack

Baden-Baden:

"Michelangelo Pistoletto"

Ein Mann im dunklen Anzug. Ein zweiter, etwas weniger feiner, gesellt sich soeben dazu. Jetzt steht man sich gegenüber. So will es scheinen. Aber in Wirklichkeit steht der dazugekommene Mann im Rücken des andern, der denn auch bloß eine Täuschung, nämlich die lebensgroße Reproduktion eines Photos auf einer polierten Edelstahlplatte ist. Autor des Spiegel-Objekts und Gegenstand der Betrachtung: der Italiener Michelangelo Pistoletto, 1933 geboren und als "Philosoph des Spiegels" bekannt. In seinen Spiegeln öffnete Pistoletto die Kunst für die Wirklichkeit. Ein Spiel mit Unterhaltungswert – und eine Reflexionsgrundlage, auf der sich weiterbauen ließ. Pistolettos "Lumpenvenus", die Kopie einer antiken Figur vor einem Berg von abgelegten Kleidern, ist dann wiederum so ein Denk-Stück über das Thema von Kunst und Leben. Mit einer – buchstäblich – ungereinigten Realität, einem Bild der Vergänglichkeit und Angst, kollidiert da der Begriff des "ewig Schönen". Und löst sich dabei auf. – Pistoletto macht, daß man erkennt, wie sie gemacht ist ("Ein Kubikmeter Unendlichkeit" zum Beispiel aus sechs zum Würfel zusammengefügten Spiegeln, von denen man die blinden Rückseiten sieht): Das heißt, er macht uns eben nicht zu den geblendeten und atemlosen Zeugen künstlerischer Sensationen. Und wenn Pistoletto in den letzten Jahren bei seinen Reprisen klassischer Skulptur die Formen des Hohen und Hehren herbeizitiert, dann zu Zwecken gezielter Demonstration und mit. einer deutlichen Distanz. "Distanz", das ist der Titel einer neuen mehrteiligen Arbeit, die für den großen Oberlichtsaal in der Baden-Badener Kunsthalle entstand. Vom bloßen Umfang her ist dies ein herrscherlicher Auftritt der Kunst. Der eingenommenen Haltung nach – mit der ganzen leeren Leinwand und den sporadischen malerischen Einlagen in Grau – das glatte Gegenteil. Auch hier ist der Künstler nicht der Mann, der verführen oder überwältigen will. Er hält dem Betrachter schlicht einen Raum frei im geöffneten Bild. Wie in den früheren Spiegeln. (Staatliche Kunsthalle bis zum 20. November; Katalog 35 Mark) Volker Bauermeister Wichtige Ausstellungen

Berlin: "Botticelli – Illustrationen zu Dantes göttlicher Komödie’" (Kupferstichkabinett bis 20.11.; Katalog 15 DM)