Hamburg

Paul Rauch, vielseitiger Gastronom und dickköpfiger Lebenskünstler, ein Hamburger, wie er auch im Buche stehen könnte, ist kurz vor seinem 75. Geburtstag nachts am Schreibtisch in seinem Büro einem Gehirnschlag erlegen. Dem traditionellen Seemannsgericht Labskaus verschaffte er auch in den Alpen Geltung, und in Dosen mußte es lange Flugreisen zu seinen Genießern machen. Bevor er das international renommierte Restaurant am Fuße der Michaeliskirche, dem Wahrzeichen Hamburgs für alle Seeleute, gründete, drückte er gleich nach dem Krieg einem alteingesessenen Etablissement auf der Reeperbahn in St. Pauli seinen Stempel auf.

Für ehemalige KZ-Häftlinge, die nach der Befreiung aus dem Lager Bergen-Belsen in Hamburg Kontakte suchten, bereitete der versierte Koch jüdische Gerichte zu, deren Rezepte er noch von Juden aus der früheren Nachbarschaft hatte. So verschaffte er den Übriggebliebenen wieder das Gefühl, als ob ihre Mütter für sie kochten. Deshalb aß im "Old Commercial Room" auch Jerusalems Bürgermeister Teddy Kolleck sein Leibgericht "Gefüllte Fisch". Aber aus allen Ländern kam man zuerst wegen des Labskaus und der Absicht, sich wie in einer Kapitänskajüte zu fühlen.

Paul Rauch, dicklich, wieselig und rundum erfahren, wohnte in einem schlichten Zimmer mit einer Nische für Kochexperimente nebenan, das mächtige Kirchenportal dem Fenster gegenüber. Beim Labskaus durfte es nicht bleiben. Er tüftelte neue Speisen aus, die sich auch in Dosen abfüllen ließen, möglichst hamburgisch mußten sie sein und ausschließlich für Kenner. Als in der New York Times ein Bericht über Rauchs "Old Commercial Room" stand, klingelte kurz darauf das Telephon. Seine drei Kinder aus erster Ehe waren nach der Scheidung mit ihrer Mutter in die Vereinigten Staaten ausgewandert. Und nun lasen sie fast alles über ihren beinahe vergessenen Dad. Deutsch konnten sie aber noch einigermaßen. So sollte über diesen Weg denn auch Amerika nicht ohne Labskaus bleiben. Vater Rauch expandierte.

Der immer leicht knurrige, arbeitsüberlastete, urlaubsscheue und gewitzte Chef, konnte aber beim Kochen das Kosten nicht lassen. Selbst nach einer Darmoperation ließ der unbändige Appetit nicht nach. Und manchmal stockte sein Atem. Das Herz konnte nicht mehr.

Vielleicht hatte er ein paar Stunden vorher nochmal geprüft, ob die Schiffsbilder und Photos auch gerade hingen. Als ich vor achtzehn Jahren zuerst bei Paul Rauch Labskaus aß, riet ich ihm, die Wände mit solchen Bildern zu bepflastern; für jeden Blick ein Schiff. Und Kapitäne sollten stets den Vortritt haben.

So hat er es dann auch gemacht. Wo konnte man ungestörter über alles reden, am meisten aber von der riesigen Welt weit draußen und dem bißchen dagegen hier. Sein Freund Pastor Kuhfuß, immer unterwegs in Sachen Hilfe, Nähe und Glauben, durfte bei der Trauerfeier in der Michaeliskirche nicht die letzten Worte sprechen. Er wurde vor kurzem versetzt. Aber Paul Rauch, der wie kaum ein anderer die Fährnisse des Lebens kannte und sich da immer wieder herauszufinden verstand, wird, und warum sollte es nicht noch mal nach ihm gehen, bei Petrus an der Himmelspforte Aufklärungsarbeit leisten über Fisch und Fleisch, Kochen und Lieben, Ehe und Kinder; und dem Labskaus für alle, die auf großer Fahrt auf den Weltmeeren sind oder davon träumen, mit Rückkehr oder nicht. Ben Witter