Von Michael Naura

Wisconsin im Jahre 1972. An der dortigen Universität hält Duke Ellington mit seinem Orchester eine öffentliche Probe ab. Als einige Musiker an der falschen Stelle einsetzen, klopft der Meister ungehalten ab und sagt mit erhobener Stimme: "Nein! E! E wie Ellington! E wie Edward! E wie Ellington! E wie Exzellenz! E wie Eleganz! E wie Edward und Ellington! E! E! E wie alle guten Dinge! Edward... Ellington ... Exzellenz... Eleganz! E!"

Auf diese edle Schale, sozusagen Botschafterfrack mit Schärpe, hat der schwarze Jazzmusiker Ellington immer großen Wert gelegt. So wollte er gesehen werden, und so verklärten ihn die Politurspezialisten und Schranzen seines imaginären Hofstaates. Sie vergossen Tränen der Rührung, als sie ihren Sonnen-Ellington 1969 an der Seite von Richard Nixon im Weißen Haus erblickten und lasen, wie er den Watergate-Schurken beschrieb: "Doch unser Präsident zeigte uns bald sein echtes Interesse an der amerikanischen Musik. Denn als er uns durch einen Teil seiner Wohnräume führte, kamen wir auch in ein Zimmer mit einer teuren Stereoanlage und vielen Schallplatten und Tonbindern. Er wirkte wie ein Kind mit seinem neuen Spielzeug, als er uns die Höhen und Tiefen und alle technischen Kniffe der Anlage vorführte. Ich weiß nicht, was er sich gedacht hatte, welche Stereoanlage ich bei dem Präsidenten der Vereinigten Staaten erwarten würde, aber ich weiß, daß ich ihn sehr anziehend fand."

Aber da war noch der "nackte" Ellington. Der grübelnde Reise-Musiker mit seiner Trink-dichmit-lauwarmem-Wasser-gesund-Obsession; der Herr, der gleichzeitig Diener ist. Rex Stewart, einer der ausgeprägtesten Ellington-Musiker, bemerkte einmal: "Gelegentlich war ich sein Friseur, sein Kammerdiener, sein dritter Trompeter im Orchester und sein Gegenüber beim Pokern. Aus meiner Sicht paßt auf Ellington das Wort Eisberg. Bei ihm ist viel mehr unter Wasser, als oben zu sehen ist."

Vom geheimnisvollen Ellington stammen diese Worte: "Nachdem die Menschheit sich selber zerstört haben wird, sehe ich über die Erdoberfläche zerstreut Berge von Geld durch die Luft flattern und im Meer versinken. Die Tiere und Fische, die damit nichts anfangen können, stoßen es beiseite und lassen ihren Kot darauf fallen. Geld und Gestank, der Gestank von Kot, der Gestank von Geld, so faulig, daß die Winde sich zusammentun, um den Blumen etwas frische Luft zu schaffen, und das Meer aufwühlen und über die Oberfläche der Erde fegen. Dann ergrünen wieder Laub und Gras und Meer, Winde und Tiere singen die alte süße Melodie der Natur." Den ganzen, den monumentalen, gelegentlich aber auch banalen Ellington kennenzulernen, ermöglichen sieben Schallplatten, die jüngst unter dem Titel "The Private Collection" erschienen sind. Sie enthalten Aufnahmen aus den Jahren 1956 bis 1970. Weitere Teile dieses Klangschatzes aus der Privatsammlung Ellingtons, der auch unveröffentlichte Perlen birgt, will die Familie noch freigeben.

Die "Studio Sessions Chicago 1956" fallen in ein Jahr der rauschenden Erfolge. Time widmet Ellington eine Titelstory, und auf dem Newport Jazz Festival bringt das Orchester jenes legendäre "Diminuendo and Crescendo in Blue" auf die Bühne, in dem der Saxophonist Paul Gonsalves ausrastet. Er geht durch wie ein scheuendes Pferd. Verglichen damit wirken die Sitzungen von Chicago fast konfirmandenhaft. Man merkt, da sitzt ein Orchester im klimatisierten Studio und spielt gegen Wände. Aber selbst unter diesen Umständen entsteht bei Ellington beachtliche Musik.

Das ist weniger dem kompositorischen Genius Ellington zu verdanken, seine Blues-Stücke sind ja nur hingeschneuzt. Bierdeckelrand-Phänomene, kleine Piecen, in denen seine wunderbaren Solisten sich entfalten können. Ohne sie wäre Ellington schon verloren gewesen. Sie haben es fast immer verhindert, daß ein Teil seiner Musik zum Billig-Foxtrott verdudelte. Wer spaziert in eine Melodie so leicht, so erzählerisch hinein und wieder hinaus wie Paul Gonsalves in "Satin Doll"? Wer spielt "Prelude to a Kiss" so einfach und doch nicht einfältig wie Johnny Hodges?