Von Martin Ahrends

Wir waren erst ein paar Tage im Westen, ich stand vor dem Obststand im Supermarkt, als mich die Verkäuferin ansprach: Darf es etwas sein? Eine ältere Frau, ein lächerliches Schildchen mit dem Supermarktnamen im Haar, ein etwas gequältes Lächeln. Ich hatte den Eindruck, wenn ich ihr nicht sofort etwas abkaufte, würde sie gefeuert. Sie tat mir leid, und ich bat sie um ein Kilo Kirschen. Aber mit welcher Beflissenheit sie die dann eintütete mit Ist-es-so-recht und Bitte-sehr-der-Herr, das brachte mich fast zur Verzweiflung: Was hatte ich ihr getan, daß sie sich so anbiedern mußte?

Diese unterwürfige Selbstverkleinerung, dem Kunden ein korrumpierendes Überlegenheitsgefühl zu geben, kannte ich nur aus alten Filmen. Hier war es Alltag, und ich hatte mich als Konsument daran zu gewöhnen. War das nun besser als die aus der DDR gewohnte Muffigkeit, mit der man in der HO und im KONSUM bedient wurde? Wo Freundlichkeit Geld wert ist, wird sie ungern gratis abgegeben. In der DDR bekommt man für Geld nur das Notwendige. Das andere muß man sich schenken oder man muß es tauschen oder man muß es sich erträumen.

Weil ehrliche Verbindlichkeit selten war, habe ich in den ersten West-Jahren eine ausgeprägte Abneigung gegen die geschäftsmäßige Freundlichkeit entwickelt. Aber nicht davon soll hier die Rede sein. Sondern von der Erfahrung, daß die berufliche und soziale Rolle im westlichen Deutschland mit weit größerer Hingabe gespielt wird als im östlichen. Nach der Übersiedlung hatte ich große Angst, arbeitslos zu bleiben, so viel zumindest hatte sich festgesetzt von der DDR-Propaganda. Und um wieder arbeiten zu können, war ich ja gerade ausgewandert, nachdem ich über zwei Jahre in der DDR keine Anstellung mehr bei staatlichen Betrieben hatte annehmen dürfen (99 Prozent der Berufstätigen arbeiten in der DDR in staatlichen Betrieben). Nach vier Wochen im Westen hatte ich meinen ersten Job als "Arbeitsvorbereiter" in einer Bausparkasse: da gab es keine Kaderabteilung, die meine Kaderakte anfordern mußte und mir hernach unter irgendwelchen Vorwänden abzusagen hatte – ich war frei von den nie ausgesprochenen politischen Vorwürfen, von denen in meiner DDR-Akte etwas stehen mußte. Endlich hatte es mit diesen Gespenstern ein Ende, die einen verfolgten, ohne daß man ihrer habhaft werden konnte, mit diesen Aktenvermerken über politische Unzuverlässigkeit, die mich überall gegen unsichtbare Mauern hatten rennen lassen – mit annähernd fünfzig Bewerbungen und Vorstellungsgesprächen und: Wollen Sie wirklich? Pflegerischer Hilfsdienst? Tiefbau? Obstpflücker? Lagerarbeiter? Ja, wenn Sie wollen, uns fehlen immer Leute. Und drei Wochen später dann: aus innerbetrieblichen Gründen oder Änderungen im Personalplan – lauter fingierte Absagen. Und als ich meine Kaderakte, wie es nach dem Arbeitsgesetzbuch der DDR mein Recht war, dort einsehen wollte, wo sie noch immer ihren Stammplatz hatte, bei der Komischen Oper in Berlin, meiner letzten Arbeitsstelle, da blieb eine mir nicht zugängliche "Restakte" auf dem Tisch der Kaderleiterin; den Weg hätte ich mir also sparen können. Kurz, ich war’s zufrieden, endlich im Westen, mit den Bauspar-Aktenstapeln durch die Korridore zu traben, stundenlang Listen auszufüllen und vorgedruckte Antwortschreiben. Ich hatte das Gespenst abgeschüttelt. Ich hatte wieder Arbeit.

Doch auch im Westen gibt es unsichtbare Mauern, sie sind nicht so geradlinig und undurchlässig wie die östlichen, sie haben Türchen und Schlupflöcher, so daß es länger dauert, bis man sie erkundet hat. Es gibt aber noch einen gewichtigeren Unterschied: Dort verlief diese Wand zwischen dem Staat und seinen Bürgern, hier mauern sich die Leute selbst ein. Drüben die Solidarität derer, die sich als Opfer derselben politischen Mißstände fühlen – und die nichts damit gewinnen können, wenn sie irgendein soziales oder berufliches Prestige verteidigen. Die politischen Zwänge wirken in der DDR egalisierend, und zwar viel stärker, als die "kleinen Freiheiten" sozial differenzierend wirken. Spricht man diese Zwänge an, ist man sich rasch einig: Man sitzt im selben Boot. Ob man nun Ofensetzer ist oder Arzt.

Ganz anders in der Freien Welt und in meiner Bausparkasse: eine ausgeklügelte Hierarchie von mehr oder minder Kompetenten, Über- und Untergeordneten. Wem man drüben eine Leitungsposition aufgehalst hatte, der war nur zu bedauern; der mußte geradestehen für die Defekte des Wirtschaftssystems und konnte doch kaum etwas ändern. Hier war jeder Bereichsleiter sichtlich stolz auf seine Funktion und suchte sie mit ganzem Engagement zu erfüllen und den Kollegen gegenüber zu behaupten. Jeder noch so kleine Chef wurde beneidet, doch üble Nachrede folgte ihm, sobald er aus der Tür war. Aber eben auch jedem gleichgestellten Kollegen folgte Getuschel, sobald er einmal nicht am Platz war. Die Arbeitsgruppe erzeugte in sich selbst ein Klima der Diskriminierung und der gegenseitigen Überwachung. Unregelmäßigkeiten sagte man sich nicht persönlich, sondern trug sie diskret beim nächsten Umtrunk dem Vorgesetzten zu. Und die Verkrampfung in der Frühstückspause, wo es darauf ankam, den möglichst kostspieligen Tennisunterricht oder Winterurlaub den Kollegen möglichst beiläufig als Stachel ins Fleisch zu setzen ...

Von lauter Stacheln getrieben, schufteten sie sich jeden Tag ab, mit weichen Knien, doch nie ohne ein lockeres "Tschüß-bis-Morgen" aus dem Großraumbüro tänzelnd: Männer wie aus der Zigarettenreklame, Frauen wie aus der Duschgelwerbung. Lauter "nette Leute" mit durchsichtigen Wänden um sich herum. Das kannte ich anders.