Von Barbara von Jhering

Die weite Welt lag nur eben um die Ecke. Auf dem Weg zur Schule kamen wir an dem – für uns – schönsten aller Kinos vorbei; es war erst vor wenigen Jahren eröffnet worden und übte eine magische Anziehungskraft aus: Seine von schmalbrüstigen Säulen getragene Schalterhalle war einladend, und die Plakate in den Glasvitrinen kündeten von Liebesdramen und Liebesseligkeit, von Pionieren im Wilden Westen, von Mantel- und Degenabenteuern. Doch betreten durften wir den wunderbaren Ort anfangs nur selten. (Der ältere Bruder verfügte über mehr Freiheit – und Taschengeld –, konnte sich also hin und wieder die Jugendvorstellung sonntags um elf leisten, und von den Nachbarskindern vernahmen wir nicht ohne Neid, daß sie es fertigbrachten, ihrem Vater jeden Sonntag zweimal 50 Pfennig für die 14-Uhr-Kindervorstellung abzuknöpfen.)

Kein Kino weit und breit war wie das "Holi", die "Hochhaus Lichtspiele" gegenüber Hamburgs ersten Hochhäusern am Grindelberg. Nirgendwo sonst gab es eine derart pompöse, zugleich ein wenig seltsame Ausstattung: An grau bespannten Wänden hingen weiße Drahtgeflechte wie Käfige; darauf waren Pfauen und Schmetterlinge aus Bast montiert. Die Lampen aber glichen Federn – fächerförmig standen die Strahler von der Wand ab, jedes Licht ein Auge auf dem Pfauenrad.

Der Kinosaal selbst erschien uns prächtig. Von Vorteil in späteren Jahren waren die hintersten, besonders dunklen und besonders bequemen Sitzreihen und Logen – der Inhaber hatte sichtlich ein Herz für Pärchen. Irgendwann wurde aus der Knutschecke dann eine Raucherloge hinter Glas – Inbegriff von Kinoluxus.

Das Aufregendste am "Holi" aber war der Vorhang. Er zeigte auf schwimmendem grauen Grund glitzernde Hamburger Stadtmotive – den Jungfernstieg mit dem Alsterpavillon, außerdem Landungsbrücken, Elbtunnel, Michel, Chilehaus und die Hamburger Version eines Jahrmarkts, den "Dom", samt Riesenrad und Zirkuszelt. Wenn im Saal die Lichter ausgingen, funkelte der Vorhang immer noch, denn all diesen Hamburgensien waren mit Metallfolien, Pailletten und Glassteinchen vielfarbige Lichter aufgesetzt.

Im "Holi" gehörte es zum Kinovergnügen, den Vorhang auf- und zugehen zu sehen, und man beeilte sich, ausgestattet mit einer Tüte Sahnebonbons, rechtzeitig vor der Wochenschau und dem – meist todlangweiligen – "Kulturfilm" seinen Platz einzunehmen. Endlich rauschte das bunte Panorama, auseinander (besonders eindrucksvoll war das bei Cinemascope), und wir, noch nicht fernseh-verwöhnt, tauchten ein in suggestive Bilderwelten: "Orphee" und "Monsieur Hulot", "Rififi" und "Die Faust im Nacken". Und war nicht überhaupt der melodramatische "Regenmacher" mit Burt Lancaster und Katherine Hepburn unser allererster Film?

Inzwischen ist der Vorhang selbst zum Hamburger Wahrzeichen geworden. 36 Jahre hat er Dienst getan, 250 000mal – so haben es die "Holi"-Leute errechnet – ging er auf und zu. Kein Wunder also, daß die Attraktion aus Kindertagen jetzt, lädiert und altersschwach, auf einem Tapeziertisch in einer Fundushalle des Deutschen Schauspielhauses liegt. Darüber gebeugt: drei Restauratorinnen, die ihn liebevoll wiederherzustellen suchen. Immer nur ausschnittweise, versteht sich, denn dank einer ingeniösen Vorrichtung sind die 7,30 Meter hohen und 6,80 Meter breiten Vorhanghälften auf zwei riesige Rollen gewickelt, die sich hinter und unter dem Tisch befinden.