Erst zwölf Jahre nach dem Krieg fand man in dem polnischen Dorf Bodzentyn ein schmales, schmutziges Schulheft, in das ein zwölf- bis vierzehnjähriger jüdischer Junge vom 21. März 1940 bis zum 1. Juni 1942 Tagebucheintragungen gemacht hatte. Der Ton dieser meist kurzen Eintragungen ist lakonisch. Oft wird lediglich berichtet, daß wieder einmal ein oder mehrere jüdische Nachbarn getötet, verprügelt, verschleppt worden waren. Immer wieder taucht die Formulierung auf "ganz ohne Grund". Erschrocken und überrascht notiert der Junge, was um ihn geschieht und wie die Menschen darauf reagieren. Wieder und wieder kommen deutsche "Gendarmen" und holen Lebensmittel, Kleider, Pelze und was sie sonst finden können weg; Hilfe vom polnischen Bürgermeister ist nur selten und gegen Geld zu haben,

Beerensuche im Wald und das Erlernen des Fahrradfahrens, Arbeit mit der Handmühle (um Roggenmehl zu machen), bilden den friedlichen Hintergrund für das von Tag zu Tag zunehmende Grauen. Wie ein Netz ziehen sich die Verfolgungen um die jüdischen Familien des Ortes immer enger zusammen. Ein Maueranschlag kündigt bevorstehende Deportationen an. Vergeblich bemüht sich Dawids Vater in der Kreisstadt darum, den Bestimmungsort zu erfahren. Noch ahnt niemand, was die Absicht dieser Deportationen letztlich ist. Juden aller Altersgruppen werden zum Schneeräumen, zum Fällen von Bäumen und anderen Arbeiten herangezogen. Oft unter bewußt gesundheitsgefährdenden Bedingungen. Auf die geringste Zuwiderhandlung gegen Ablieferungsbefehle oder das Verbot, den Ort zu verlassen, steht Todesstrafe; willkürlich wird gemordet.

Wind und Wetter, Sonnenschein, Schnee und Regen werden notiert, aber immer wieder kommt Dawid auf die Menschen und ihr Schicksal zurück, das ihm unfaßbar ist. Nur selten tauchen religiöse Reflexionen auf. Einen Tag, nachdem der Vater ihn geschlagen und Dawid in sein Tagebuch böse Worte über ihn geschrieben hat, wird der kranke, alte Mann abgeholt und zu Zwangsarbeiten eingesetzt. In einer seiner längsten Eintragungen gibt Dawid seine Liebe zum Vater und die Reue über seine frühere Eintragung wieder: "Vati, wo bist du, wenn ich dich noch einmal sehen könnte... und da habe ich ihn auf dem letzten Wagen gesehen, er war verweint. Ich sah ihm nach, bis er an der Biegung verschwand, dann erst habe ich einen Weinkrampf bekommen, und ich fühlte, wie sehr ich ihn lieb habe und er mich. Und erst jetzt habe ich gefühlt, daß das, was ich am 1. Mai geschrieben habe, daß er mich nicht lieb habe, eine gemeine Lüge war, und wer weiß, ob ich dafür nicht werde büßen müssen..." Solche ethischen und emotionalen Reflexionen sind selten. Meist registriert Dawid nur oder fügt allenfalls eine Art Stoßseufzer hinterher.

Am 12. Feburar 1941 wird im Ort eine antisemitische Karikatur mit einem widerlichen Spottvers angeschlagen. Dawid liest den Spottvers und hört, wie vorübergehende Leute so laut lachen, "daß ich direkt Kopfschmerzen kriegte von dieser Schande, die die Juden heutzutage erleben. Möge der liebe Gott nur geben, daß diese Schande recht bald aufhört."

Einmal hört er, daß "Gendarmen" von einer jüdischen Familie verlangt haben, allen Schnee aus der Umgebung in ihr Haus zu schaufeln, und er will das einfach nicht glauben. Schließlich geht er zu dem Haus und muß feststellen, daß es stimmt.

Das Schicksal Dawids während der Spanne seines Lebens vom 21. März 1940 bis zum Abtransport in ein Lager, das er und seine Familie nicht überleben sollten, unterscheidet sich vollständig vom Schicksal Anne Franks. Aber auch die Art und Weise, wie Dawid die unfaßbar grausame Realität wahrnimmt, sieht ganz anders aus. Der nüchterne, manchmal auch unbeholfene Stil dieser Tagebuchblätter erinnert an alte Chroniken. Er spiegelt die erfahrene Wirklichkeit direkt wider und läßt den Leser hilflos, verzweifelt, erschrocken – und wenn er ein Deutscher ist – auch beschämt zurück.

Das größte Verbrechen, die fabrikmäßige Massenvernichtung, kommt auf diesen Seiten nicht vor. Aber die vollständige Ausgeliefertheit, die unvorstellbare Brutalität der Drangsalierung und Beraubung jüdischer Menschen im sogenannten Generalgouvernement ist schlimm genug, um dieses Tagebuch zu einer beunruhigenden Lektüre zu machen.